1) Die ersten Kastanien
Am Mittwochmorgen lag etwas Braunes auf dem Rasen.
Waschbär sah es vom Fenster aus.
„Kastanie!“
Er rannte hinaus.
Unter dem großen Kastanienbaum lagen tatsächlich die ersten Früchte.
Noch nicht viele.
Aber genug.
Einige steckten noch in grünen, stacheligen Hüllen.
Andere lagen bereits glänzend und glatt im Gras.
Waschbär hob eine auf.
„Oh.“
Dann noch eine.
„Oh!“
Das Mähschaf kam vorbei.
„Hindernis.“
Waschbär nahm die Kastanie schnell weg.
„Gerettet.“
„Danke.“
Raseline meldete von nebenan:
„Bei mir auch welche.“
Waschbär blieb stehen.
„Bei Raseline auch?“
Das Mähschaf fuhr weiter.
„Ja.“
Waschbär holte einen Korb.
2) Viel zu viele
Nach einer halben Stunde war der Korb voll.
Uschi kam in den Garten.
„Was willst du mit all denen machen?“
„Basteln.“
„Mit allen?“
Waschbär sah in den Korb.
„Vielleicht.“
Uschi hob eine Augenbraue.
„Das sind sehr viele.“
„Es fallen noch mehr.“
„Das war nicht meine Frage.“
Waschbär trug den Korb ins Haus.
Dann kam er zurück.
Mit einem zweiten.
Stinkerle sah ihm hinterher.
„Das wird eskalieren.“
Der Hai nickte.
„Sehr wahrscheinlich.“
3) Die erste Figur
Am Wohnzimmertisch lagen Kastanien, Zahnstocher, kleine Holzstäbchen und ein paar Filzreste.
Stinkerle half beim vorsichtigen Vorbohren.
„Nicht einfach reinstechen, sonst platzen sie.“
Waschbär nickte ernst.
„Präzisionsarbeit.“
Die erste Figur bekam vier Beine.
Dann einen Kopf.
Dann zwei kleine Ohren aus Filz.
Waschbär hielt sie hoch.
„Ein Hirsch.“
Der Hai sah genauer hin.
„Sieht eher wie ein Hund aus.“
„Hirschhund.“
„Das ist etwas anderes.“
„Jetzt nicht mehr.“
Die zweite Figur wurde ein Vogel.
Die dritte ein Tiger.
Die vierte sah wie gar nichts aus.
Waschbär nannte sie trotzdem „Bürgermeister“.
4) Das Ministerium entsteht
Irgendwann baute Waschbär aus kleinen Kartonstücken ein Gebäude.
Vorne klebte ein Schild.
KASTANIENMINISTERIUM
Das Känguru kam herein.
Blieb stehen.
Sah das Schild.
„Was.“
Waschbär strahlte.
„Verwaltung.“
Das Känguru legte die Pfoten an die Hüften.
„Du reproduzierst staatliche Bürokratie in einer eigentlich freien Kastaniengesellschaft.“
Waschbär sah auf sein Gebäude.
„Die brauchen Organisation.“
„Nein. Sie brauchen Selbstverwaltung.“
Der Hai kam näher.
„Ein Ministerium kann für standardisierte Abläufe sinnvoll sein.“
Das Känguru sah ihn scharf an.
„Natürlich sagst du das.“
Waschbär stellte den Bürgermeister vor die Tür.
„Er arbeitet da.“
„Dann ist es auch noch zentralistisch“, sagte das Känguru.
5) Das Ministerium bekommt Abteilungen
Der Hai war inzwischen interessiert.
„Welche Aufgaben hat das Ministerium?“
Waschbär dachte nach.
„Kastanien.“
„Zu allgemein.“
„Straßen.“
„Besser.“
„Blätter.“
„Warum Blätter?“
„Herbst.“
Der Hai nahm einen Zettel.
„Dann braucht es Abteilungen.“
Das Känguru stöhnte.
Kurz darauf gab es:
Abteilung für Wege
Abteilung für Herbstlaub
Abteilung für Wohnraum
Abteilung für Kastanienangelegenheiten
Das Känguru zeigte empört darauf.
„Die letzte Abteilung ist tautologisch.“
Der Hai nickte.
„Stimmt.“
Waschbär schrieb darunter:
sehr wichtig
6) Aus einem Gebäude wird eine Stadt
Das Ministerium allein reichte natürlich nicht.
Daneben entstand ein kleines Haus.
Dann noch eines.
Ein Marktstand aus Streichholzschachteln.
Ein Park aus Moos und Blättern.
Ein Brunnen aus einem Flaschendeckel.
Waschbär legte kleine Wege aus Kieselsteinen.
Stinkerle brachte ein paar Holzreste.
„Für Brücken.“
„Ja!“
Der Hai schaute auf den Tisch.
„Die Wegeführung ist unlogisch.“
Waschbär sah ihn an.
„Altstadt.“
Der Hai schwieg.
Das war tatsächlich ein gutes Argument.
7) Kroko bekommt einen Kastanienmarkt
Am Nachmittag kam Kroko aus der Küche.
„Was ist das?“
„Stadt.“
Waschbär zeigte auf einen kleinen Stand.
„Da ist der Markt.“
Kroko beugte sich herunter.
Auf dem winzigen Stand lagen getrocknete Kräuter, zwei kleine Bohnen und ein Stück Nussschale.
„Was verkaufen die?“
„Regionale Produkte.“
Kroko nickte.
„Gut.“
Waschbär stellte eine Kastanienfigur hinter den Stand.
„Das bist du.“
Kroko sah die Figur an.
Sie hatte einen kleinen Filzhut.
„Warum Hut?“
„Markthut.“
Kroko brummte.
„Okay.“
8) Das Känguru gründet die Opposition
Das Känguru hatte nicht aufgegeben.
Es baute am anderen Ende des Tisches einen kleinen Platz.
Dort stellte es drei Kastanienfiguren auf.
Dazu ein Schild:
FREIE KASTANIENKOMMUNE
Waschbär sah hin.
„Was ist das?“
„Gegenmodell.“
„Zu meiner Stadt?“
„Zum Ministerium.“
Der Hai kam dazu.
„Gibt es dort Infrastruktur?“
„Selbstorganisiert.“
„Müllentsorgung?“
Das Känguru schwieg.
„Wasser?“
Keine Antwort.
„Wegeunterhaltung?“
Das Känguru zeigte auf Waschbär.
„Siehst du? So fängt technokratische Unterdrückung an.“
Waschbär lachte.
9) Die Stadt wächst bis zum Abend
Bis zum Abend war fast der gesamte Wohnzimmertisch belegt.
Es gab:
- das Kastanienministerium,
- zwölf Häuser,
- einen Markt,
- einen kleinen Park,
- zwei Brücken,
- eine Bank,
- eine Schule,
- einen „Kastanienbahnhof“, obwohl keine Gleise vorhanden waren,
- die Freie Kastanienkommune,
- und ein riesiges Gebäude, das Waschbär „Kulturzentrum“ nannte.
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
Er blieb stehen.
„Das ist… umfangreich.“
Waschbär nickte stolz.
„Stadtplanung.“
Der weiße Tiger sah zum Hai.
„Warst du beteiligt?“
„Nur beratend.“
Das erklärte vieles.
10) Niemand darf den Tisch benutzen
Am Abend wollte Lara etwas auf den Tisch stellen.
Waschbär rief:
„Nein!“
Sie blieb stehen.
„Warum?“
„Innenstadt.“
„Wir brauchen den Tisch.“
„Nur heute.“
Uschi sah auf die ganze Landschaft.
„Und morgen?“
Waschbär dachte nach.
„Vorstadt.“
Stinkerle lachte.
Der Hai sagte:
„Wir könnten eine Grundplatte bauen.“
Alle sahen ihn an.
„Was?“
„Dann wäre die Stadt transportabel.“
Waschbär strahlte.
„Ja!“
Das Känguru schüttelte den Kopf.
„Institutionalisierung.“
11) Ein sehr herbstliches Durcheinander
Später saßen alle um die Kastanienstadt herum.
Nicht am Tisch.
Um den Tisch.
Kroko hatte kleine Snacks gemacht.
Uschi trank Tee.
Lara betrachtete den winzigen Park.
Odin sah sich den Markt an.
„Schön.“
Waschbär grinste.
„Danke.“
Das Mähschaf stand draußen im Terrassenhafen.
Unter dem Kastanienbaum lagen schon wieder neue Früchte.
Niemand sagte Waschbär Bescheid.
Noch nicht.
Mozart schrieb:
„Der Herbst beginnt manchmal mit einem Blatt.
Oder mit einer Kastanie.Bei Waschbär reicht eine Kastanie allerdings selten.
Aus einer werden zwanzig,
aus zwanzig Figuren,
aus Figuren ein Ministerium
und aus dem Ministerium plötzlich eine ganze Stadt.Dann braucht es Wege, Häuser, Märkte, Brücken
und selbstverständlich eine politische Opposition.Vielleicht ist Kreativität genau das:
Man findet etwas Kleines im Gras
und sieht darin nicht nur eine Kastanie,
sondern eine Welt,
die bis zum Abend dringend eine Verwaltung braucht.“