1) Freitag draußen
Der Freitag fühlte sich an, als hätte die Woche beschlossen, langsam auszulaufen. Es war warm, aber nicht drückend, der Pool glitzerte ruhig im Garten, und überall war Bewegung.
Stinkerle werkelte an einer kleinen Halterung nahe der Terrasse. Waschbär half, indem er Dinge hielt, kommentierte und gelegentlich falsch herum reichte. Uschi kümmerte sich um ihre Pflanzen, Lara saß mit Tee im Schatten, und Kroko stand am Gartentisch und überlegte, was später gegessen werden sollte.
Der Hai prüfte Poolwerte, UV-Werte und vermutlich noch drei andere Werte, von denen niemand wusste, dass sie existierten.
Und das Känguru lag in seiner Hängematte.
Wie am Montag.
Und Dienstag.
Und Mittwoch.
Und Donnerstag.
„Du bist diese Woche kaum aus dem Ding rausgekommen“, sagte Kroko.
Das Känguru hob eine Pfote. „Ich habe eine Standortentscheidung getroffen.“
„Du liegst“, sagte der Hai.
„Ich residiere.“
Waschbär schaute zur Hängematte. „Sie sieht wirklich aus wie ein offizieller Regierungssitz.“
„Endlich erkennt jemand die Würde des Amtes“, sagte das Känguru.
2) Ein Hauch von Outback
Gegen Mittag wurde die Luft trockener. Nicht wirklich australisch, nicht einmal annähernd – aber warm genug, dass das Känguru tief einatmete und plötzlich sehr weit in die Ferne sah.
„Das erinnert mich an früher“, sagte es.
Lara hob den Kopf. „An früher?“
„Australien“, sagte das Känguru schwer.
Der Hai blinzelte. „Du warst in Australien?“
Das Känguru setzte sich in der Hängematte ein wenig auf, was bei ihm bedeutete: Jetzt kommt Geschichte.
„Ich komme aus Australien.“
„Du bist ein Plüschkänguru“, sagte Kroko.
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Odin, der ruhig auf der Bank saß, sagte nichts. Aber sein Blick sagte: Das wird interessant.
Mozart legte sein Buch beiseite. „Erzähl.“
Das Känguru nickte, als hätte es nur darauf gewartet.
3) Die Legende beginnt
„Das Outback“, begann das Känguru, „ist nicht einfach ein Ort. Es ist ein Zustand. Rote Erde. Weite. Hitze. Himmel, der so groß ist, dass man darunter automatisch politisch wird.“
Der Hai öffnete den Mund.
Uschi hob die Hand. „Lass es.“
Der Hai schloss den Mund.
„Ich erinnere mich“, fuhr das Känguru fort, „an Tage, an denen der Boden so heiß war, dass selbst die Schatten gestreikt haben.“
Waschbär flüsterte: „Können Schatten streiken?“
„In Australien schon“, sagte das Känguru sofort.
Stinkerle setzte sich auf seine Werkzeugkiste. „Und was hast du da gemacht?“
„Überlebt“, sagte das Känguru. „Und philosophiert.“
Kroko brummte. „Natürlich.“
„Einmal“, sagte das Känguru, „traf ich einen Dingo, der behauptete, Eigentum sei nur eine Illusion.“
„War das vor oder nach den Schnapspralinen?“, fragte Lara.
„Vor der Zivilisation“, sagte das Känguru.
Mozart lächelte. „Das ist eine sehr präzise unpräzise Zeitangabe.“
4) Der Hai prüft die Plausibilität
Der Hai hielt es nicht mehr aus. „Du hast also im Outback mit einem Dingo über Eigentum diskutiert.“
„Ja.“
„In welcher Sprache?“
„In der Sprache der Unterdrückten.“
„Das ist keine Sprache.“
„Doch, nur nicht standardisiert.“
Waschbär kicherte. Kroko schüttelte den Kopf. Uschi versuchte, nicht zu lachen, und Lara sah so aus, als wolle sie die Geschichte später in eine Playlist verwandeln.
Das Känguru war völlig unbeeindruckt. „Der Dingo hieß wahrscheinlich Bruce.“
„Wahrscheinlich?“, fragte der Hai.
„Namen sind im Outback fließend.“
„Das ist sehr bequem“, sagte der Hai.
„Nein“, sagte das Känguru. „Das ist kulturell.“
Mozart nickte langsam. „Ich glaube, wir sollten diese Erzählung nicht als Chronik, sondern als Mythos betrachten.“
„Danke“, sagte das Känguru.
„Das heißt nicht, dass sie wahr ist“, sagte der Hai.
„Wahrheit hat mehrere Aggregatzustände“, sagte das Känguru.
Der Hai sah aus, als hätte dieser Satz ihm körperlich wehgetan.
5) Staub, Sonne und heldenhafte Zweifel
Das Känguru war nun in voller Fahrt.
Es erzählte von einer Nacht unter Sternen, in der es angeblich den südlichen Himmel „neu bewertet“ hatte. Von einem Busch, der „wie ein alter Gewerkschafter“ ausgesehen habe. Von einem Wasserloch, das nur deshalb gefunden wurde, weil das Känguru „intuitiv gegen den Wind gedacht“ habe.
„Gegen den Wind gedacht?“, fragte Stinkerle.
„Ja.“
„Wie macht man das?“
„Mit innerem Widerstand.“
Kroko brummte: „Das klingt nach dir.“
Das Känguru nickte stolz. „Ich war schon damals konsequent.“
Uschi setzte sich inzwischen mit einem Glas kalten Tee in die Nähe der Hängematte. „Und vermisst du Australien?“
Da wurde das Känguru kurz still.
Nicht dramatisch. Nur etwas leiser.
„Manchmal“, sagte es. „Oder vielleicht vermisse ich die Idee davon. Die Weite. Das Gefühl, dass niemand dich fragt, ob du richtig liegst, solange du unter einem großen Himmel liegst.“
Mozart sah es aufmerksam an.
„Und jetzt?“, fragte Lara.
Das Känguru sah sich um: Pool, Garten, Hängematte, Uschi bei den Pflanzen, Kroko mit Hunger, Hai mit Tablet, Waschbär mit leuchtenden Augen, Stinkerle mit Werkzeug, Mozart im Schatten.
„Jetzt“, sagte es, „ist der Himmel kleiner. Aber die Gesellschaft besser.“
Odin nickte. „Das ist auch etwas.“
6) Grillgeruch statt roter Erde
Am Abend machte Kroko etwas Einfaches, aber Gutes. Kein großes Fest, eher ein freitagswürdiges Gartenessen. Brot, Salat, ein paar Dinge vom Grill, etwas Kaltes zu trinken. Der Pool spiegelte das Abendlicht, und die Hängematte schaukelte noch leicht, obwohl das Känguru inzwischen am Tisch saß.
„Also“, sagte der Hai, „um das zusammenzufassen: Deine Outback-Vergangenheit ist historisch nicht ausreichend belegt.“
„Falsch“, sagte das Känguru. „Sie ist mündlich überliefert.“
„Von dir.“
„Die beste Quelle.“
„Die einzige Quelle.“
„Noch besser. Keine widersprüchlichen Berichte.“
Waschbär lachte so sehr, dass er fast sein Brot fallen ließ.
Lara hob ihr Glas. „Auf das Outback. Oder was auch immer davon stimmt.“
„Auf Bruce den Dingo“, sagte Stinkerle.
„Auf Schatten im Streik“, sagte Uschi.
Kroko brummte: „Auf Essen.“
Odin sagte ruhig: „Auf gute Geschichten.“
Das Känguru lehnte sich zurück, sichtbar zufrieden. „Ihr beginnt zu verstehen.“
Die Küchenkatzen lagen auf ihrer Sonnenloge und blinzelten in Richtung Tisch. Minimaler Positionswechsel: ein Ohr zum Känguru, eins zum Grill. Prioritäten.
7) Mozarts Satz des Tages
Als die Sonne langsam unterging und der Garten in warmes Licht fiel, sah Mozart zum Känguru hinüber und sagte:
„Nicht jede Erinnerung
muss beweisbar sein,
um etwas Wahres zu tragen.
Manchmal erzählt jemand vom Outback
und meint doch nur:
Ich habe Weite gekannt,
ich habe Hitze überstanden,
und nun liege ich hier
unter einem kleineren Himmel,
aber nicht allein.
Vielleicht ist das
die ehrlichste Legende von allen.“