1) Das Känguru zieht sich wärmer an
Der Sonntagmorgen war grau.
Nicht unangenehm.
Aber anders.
Der Wind bewegte die Zweige des Apfelbaums, und auf der Terrasse war es kühl genug, dass niemand mehr automatisch nach einem Schattenplatz suchte.
Der Hai sah auf die Wetterstation.
„Achtzehn Komma neun Grad.“
Das Känguru erschien in der Terrassentür.
Es trug einen dicken Pullover.
Darüber eine leichte Weste.
Unter einem Arm klemmte eine Decke.
In der anderen Pfote hielt es seine Kühltasche.
Stinkerle sah es an.
„Du gehst wirklich in die Hängematte?“
„Natürlich.“
„Es ist windig.“
„Gedanken brauchen Frischluft.“
Waschbär fragte:
„Und Schnapspralinen?“
Das Känguru hob die Kühltasche.
„Gedanken brauchen Infrastruktur.“
Wenig später lag es draußen, bis zum Bauch zugedeckt, und blickte philosophisch in die bewegten Wolken.
„Was ist Freiheit?“
Das Mähschaf fuhr vorbei.
„Alles gut.“
„Eine vertretbare erste Antwort.“
2) Uschi hat andere Pläne
Uschi stand derweil im Badezimmer.
Auf dem Rand der Wanne lagen bereits ein sauberes Handtuch, ein Buch und das schöne Badewannenset vom Hofflohmarkt-Tausch.
Heute wollte sie wirklich lange baden.
Lavendel vielleicht.
Oder eine der anderen Mischungen.
Kerzen.
Ruhe.
Keine Aufgaben mehr.
Sie ging noch einmal nach unten, um sich einen Tee zu holen.
Dort kam ihr Waschbär entgegen.
Uschi blieb stehen.
Waschbär ebenfalls.
Sie sah ihn genauer an.
Das Fell an seiner Seite klebte ein wenig zusammen.
Am Ärmelansatz war noch ein gelber Farbrest.
Hinter einem Ohr saß tatsächlich noch ein schwacher blauer Fleck vom Van-Gogh-Tag.
„Waschbär.“
„Ja?“
„Wann hast du eigentlich zuletzt richtig gebadet?“
Waschbär dachte nach.
Sehr lange.
„Ich war oft im Pool.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Der Gartenschlauch auch.“
Uschi legte die Pfoten in die Hüften.
„Bad.“
3) Viele gute Gründe gegen Wasser
Waschbär setzte sofort zu einer Verteidigung an.
„Mein Fell reinigt sich teilweise selbst.“
„Nein.“
„Ich war im Beregnungsregen.“
„Nein.“
„Und beim Poolputzen.“
„Waschbär.“
„Gestern war ich auch nicht besonders schmutzig.“
Uschi zog vorsichtig an einer klebrigen Fellstelle.
Waschbär sah hin.
„Das ist vielleicht noch etwas Mirabellenkuchen.“
„Von Mittwoch?“
„Oder Grillmarinade.“
Uschi sah ihn an.
„Das macht es nicht besser.“
Stinkerle kam vorbei.
„Bad.“
Waschbär zeigte auf ihn.
„Du bist befangen.“
„Warum?“
„Du bist sauber.“
„Das ist kein Interessenkonflikt.“
Der Hai hörte aus dem Wohnzimmer zu.
„Aus hygienischer Perspektive ist Uschis Forderung vollständig nachvollziehbar.“
Waschbär seufzte.
„Alle gegen mich.“
4) Der Waschbär kommt in die Wanne
Wenig später saß Waschbär in der Badewanne.
Zunächst mit sehr wenig Wasser.
„Reicht.“
Uschi drehte weiter auf.
„Nein.“
Das Wasser wurde langsam wärmer und höher.
Fast sofort begann es sich zu verfärben.
Ein bisschen grau.
Ein wenig gelblich.
An manchen Stellen erschien sogar ein winziger Hauch Blau.
Uschi sah hinein.
Waschbär ebenfalls.
„Künstlerwasser.“
„Das ist Schmutz.“
„Auch Kunst kann Spuren hinterlassen.“
Uschi gab ihm ein mildes Shampoo für das Fell.
„Richtig einarbeiten.“
Waschbär begann.
Der Schaum verfärbte sich leicht.
„Oh.“
„Genau.“
Nach dem ersten Ausspülen sah sein Fell bereits deutlich heller aus.
Aber Waschbär hatte inzwischen etwas anderes entdeckt.
Am Wannenrand standen Badeenten.
5) Die Enten übernehmen
Waschbär nahm die erste Badeente.
„Hallo.“
Dann die zweite.
„Du auch.“
Die dritte bekam einen kleinen Waschlappen als Cape.
Uschi verließ das Bad kurz, um frische Handtücher zu holen.
Als sie zurückkam, fand eine komplizierte maritime Operation statt.
„Die gelbe Ente ist der Kapitän“, erklärte Waschbär.
„Natürlich.“
„Die kleine ist Hafenmeister.“
„Mhm.“
„Und die da ist Zoll.“
„Warum braucht eine Badewanne Zoll?“
„Internationale Gewässer.“
Uschi nahm die leere Shampoo-Flasche weg.
„Du spülst dich jetzt noch einmal ab.“
„Gleich.“
Eine Ente wurde mit Schwung über das Wasser geschickt.
Sie stieß gegen eine kleine Schachtel auf dem Wannenrand.
Die Schachtel wackelte.
Waschbär sah hin.
Darin steckte eine Packung mit Schaumbad aus Uschis Tauschset.
„Oh.“
6) Viel zu viel Schaumbad
Die Packung fiel.
Direkt ins Wasser.
„Nein!“
Waschbär griff danach.
Zu spät.
Ein großer Teil des Schaumbads löste sich auf.
Zunächst geschah wenig.
Dann begann Waschbär, im Wasser danach zu suchen.
Damit bewegte er alles kräftig durch.
Der Schaum wuchs.
Erst eine dünne Schicht.
Dann mehrere Zentimeter.
Dann einen ganzen Berg.
Waschbär hielt inne.
„Das ist viel.“
Mehr Schaum bildete sich.
Die Badeenten verschwanden darin.
Nur der Kopf des Kapitäns schaute noch heraus.
Waschbär begann zu lachen.
„Sie sind im Schneesturm!“
Der Schaum stieg bis an den Wannenrand.
Dann darüber.
Ein großer weißer Klumpen landete auf dem Boden.
Noch einer.
Waschbär versuchte, ihn zurückzuschieben.
Dadurch produzierte er noch mehr.
7) Der Hai sieht die Lage
Der Hai kam wegen der Geräusche vorbei.
Er öffnete die Badezimmertür.
Und blieb stehen.
Das halbe Badezimmer war weiß.
Schaum lag vor der Wanne.
Schaum hing an Waschbärs Kopf.
Mehrere Badeenten waren nicht mehr sichtbar.
Uschi kam in diesem Moment ebenfalls zurück.
Der Hai sagte:
„Das ist nicht kontrolliert.“
„Das sehe ich“, sagte Uschi.
„Wie viel Schaumbad wurde verwendet?“
Waschbär zeigte auf die leere Packung.
„Unbeabsichtigt fast alles.“
Der Hai wurde blass.
„Die vorgesehene Dosierung—“
„Hai“, sagte Uschi.
„Aber das Verhältnis von Wasser zu Tensid—“
Stinkerle sah durch die Tür.
„Das Verhältnis ist offensichtlich schlecht.“
Lara lachte.
Kroko kam dazu.
Sah den Schaumberg.
„Waschbär.“
„Unfall.“
Das Känguru rief von draußen durchs offene Fenster:
„Der Überfluss produziert seine eigene Krise!“
Der Hai drehte sich Richtung Fenster.
„Nicht jetzt!“
8) Uschi übernimmt
Uschi blieb erstaunlich ruhig.
„Erst kein Wasser mehr bewegen.“
Waschbär erstarrte.
„Gut.“
Sie ließ langsam einen Teil des Wassers ab.
Dann spülte sie vorsichtig klares Wasser nach, ohne unnötig viel neuen Schaum zu erzeugen.
Stinkerle holte einen Abzieher und mehrere Handtücher für den Boden.
Lara sammelte die entkommenen Schaumwolken ein.
Der Hai stand mit ernster Miene daneben.
„Das dauert.“
Uschi nickte.
„Dann dauert es.“
Waschbär saß inzwischen nur noch mit dem Kopf aus dem Schaum.
„Ich bin sehr sauber.“
„Du wirst noch sauberer.“
Es folgte ein gründliches Ausspülen.
Dann noch eines.
Schließlich kam Waschbär aus der Wanne.
Uschi wickelte ihn in ein großes Handtuch.
„Jetzt trocknen.“
9) Ein völlig neuer Waschbär
Eine Weile später stand Waschbär im Wohnzimmer.
Sauber.
Trocken.
Aufgebürstet.
Sein Fell war weich, flauschig und so glänzend, dass alle kurz hinsahen.
Stinkerle pfiff leise.
„So sahst du lange nicht aus.“
Lara strich vorsichtig über seine Schulter.
„Ganz weich.“
Waschbär sah an sich herunter.
„Ich bin heller.“
„Du warst schmutzig“, sagte der Hai.
Waschbär ging zum Spiegel.
„Ich glänze.“
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
Blieb stehen.
„Beeindruckend.“
Waschbär drehte sich.
„Vielleicht sollte ich öfter baden.“
Alle sahen ihn an.
„Vielleicht“, sagte Uschi.
Waschbär dachte nach.
„Nicht zu oft.“
Das klang realistischer.
10) Jetzt ist Uschi dran
Nachdem das Bad vollständig sauber und trocken war, verschwand Uschi wieder ins Bad.
Diesmal schloss sie die Tür.
Lara stellte ihr noch einen Tee davor.
„Viel Spaß.“
„Danke.“
Uschi ließ neues warmes Wasser ein.
Sie wählte diesmal ganz bewusst nur wenige Tropfen des ätherischen Öls.
Sehr wenige.
Das Wasser blieb klar.
Ein wenig Badesalz.
Kerzen.
Leise Musik.
Dann stieg sie in die Wanne.
Und blieb.
Lange.
Sehr lange.
Es wurde Abend.
Kroko machte etwas Kleines zu essen.
Mozart las.
Der Hai hatte sich von der Schaumkrise erholt.
Das Känguru kam irgendwann aus der Hängematte zurück und erklärte, es habe „wesentliche Fragen des menschlichen und känguruischen Daseins“ bearbeitet.
Niemand fragte nach den Ergebnissen.
11) Erst spät wieder gesehen
Es war schon dunkel, als Uschi schließlich wieder erschien.
Im weichen Bademantel.
Haare frisch.
Vollkommen entspannt.
Lara sah sie an.
„Das war lang.“
Uschi lächelte.
„Sehr.“
Waschbär saß auf dem Sofa und betrachtete noch immer gelegentlich sein sauberes Fell.
„Mein Bad war auch lang.“
Uschi sah ihn an.
„Aus anderen Gründen.“
„Aber erfolgreich.“
Das musste sie ihm lassen.
Draußen bewegte der Wind noch immer die Bäume.
Der Sonntag war kühl gewesen, ein wenig grau und ein bisschen chaotisch.
Aber im Haus war es warm.
Mozart nahm sein Notizbuch und schrieb:
„Manche Sonntage verlangen nach großen Gedanken
in einer Hängematte unter grauen Wolken.
Andere verlangen einfach danach,
einen Waschbär endlich gründlich zu waschen.Dann wird aus altem Farbstaub buntes Badewasser,
aus einer Badeente eine ganze Flotte
und aus einer kleinen Packung Schaumbad
beinahe eine Wetterlage im Badezimmer.Doch am Ende glänzt ein Waschbär
wie seit Monaten nicht mehr,
der Hai überlebt den Kontrollverlust
und Uschi bekommt endlich die Ruhe,
die sie eigentlich von Anfang an wollte.Manchmal muss erst das halbe Bad voller Schaum sein,
bevor ein Sonntag ganz still werden kann.“