20. August 2026 Sonnig Sommer 8 min

Der Hai, die offenen Kapitel und das Hier und Jetzt

Der Hai, die offenen Kapitel und das Hier und Jetzt

1) Keine neuen Fragen

Am Donnerstagmorgen saß der Hai am Tisch.

Vor ihm lag sein Tablet.

Die Liste war noch da.

Waschbär – Schweizerdeutsch?
Kroko – Restaurantvergangenheit, Details offen
Mozart – Alter?
Lara – Frankreich?
Känguru – Australien?
Hai – vor dem Hochregallager?

Der Hai starrte darauf.

Dann sperrte er das Tablet.

Zehn Sekunden später entsperrte er es wieder.

Er las die Liste.

Sperrte es erneut.

Waschbär kam mit einem Glas Wasser vorbei.

„Grüezi.“

Der Hai sah nicht auf.

„Nein.“

Waschbär setzte sich ihm gegenüber.

„Was machsch?“

„Auch nein.“

„I bi ganz harmlos.“

Nun sah der Hai doch auf.

„Du kannst nicht einfach jedes Mal schweizerdeutsch sprechen, sobald ich über ungeklärte Vergangenheiten nachdenke.“

Waschbär nickte ernst.

„Verstanden.“

Kurze Pause.

„Oder wie mir säged: verstande.“

Der Hai legte beide Flossen auf den Tisch.


2) Der Waschbär hilft überhaupt nicht

„Ich frage dich nicht mehr“, sagte der Hai.

Waschbär blinzelte.

„Gar nicht?“

„Nein.“

„Auch nicht, ob ich mal in Zürich war?“

Der Hai wurde aufmerksam.

„Warst du?“

Waschbär grinste.

„Du wolltest nicht fragen.“

„Das war keine Antwort.“

„Dann war es vielleicht Bern.“

„Waschbär.“

„Oder Basel.“

„Du machst das absichtlich.“

Waschbär dachte kurz nach.

„Möglich.“

Der Hai atmete langsam aus.

„Ich akzeptiere, dass ich es nicht weiß.“

„Sehr gesund.“

„Und ich akzeptiere, dass du widersprüchliche Angaben machst.“

„Auch gesund.“

„Und ich werde nicht mehr versuchen, daraus eine konsistente Biografie zu rekonstruieren.“

Waschbär nickte.

„Das wäre schwierig.“

„Warum?“

Waschbär nahm einen Schluck Wasser.

„Weil ich vielleicht gar keine konsistente Biografie habe.“

Der Hai sah ihn an.

Waschbär stand auf.

„Schöne Grüße aus dem Berner Oberland.“

„Warst du dort?!“

Aber Waschbär war schon weg.


3) Terrasse mit Diskussionsgefahr

Am Nachmittag setzte sich der Hai auf die Terrasse.

Er wollte ausdrücklich nichts analysieren.

Kein Tablet.

Keine Listen.

Keine Fragen.

Nur sitzen.

Das Känguru lag in der Hängematte und bemerkte ihn sofort.

„Du siehst aus wie jemand, der mit der Dialektik ringt.“

Der Hai schloss kurz die Augen.

„Ich möchte heute eigentlich nicht diskutieren.“

„Ausgezeichnet. Die besten Diskussionen entstehen ohne Absicht.“

„Nein.“

Das Känguru setzte sich aufrechter hin.

„Du denkst noch über die Vergangenheit nach.“

Der Hai sah es an.

„Woher weißt du das?“

„Ich erkenne historische Unruhe.“

„Das ist kein Begriff.“

„Für Marx wäre es einer gewesen.“

Der Hai wurde misstrauisch.

„Welcher Marx?“

„Karl.“

„Was soll er dazu gesagt haben?“

Das Känguru blickte bedeutungsvoll in den Garten.

„Die Vergangenheit ist das Privateigentum der Erinnerung.“

Der Hai runzelte die Stirn.

„Das hat Karl Marx nicht gesagt.“

„Sinngemäß.“

„Nicht einmal sinngemäß.“


4) Das Känguru zitiert Marx

Das Känguru ließ sich davon nicht bremsen.

„Marx sagte außerdem: Wer ständig nach hinten blickt, verpasst die Revolution vor sich.“

„Auch falsch.“

„Vielleicht Engels.“

„Nein.“

„Rosa Luxemburg?“

„Sehr wahrscheinlich ebenfalls nein.“

Das Känguru griff in seine Kühltasche.

„Dann von mir.“

„Das glaube ich sofort.“

Es nahm eine Schnapspraline.

„Du musst die Herrschaft der Vergangenheit über deine Gegenwart brechen.“

Der Hai sah skeptisch aus.

„Das klingt wenigstens wie etwas, das du selbst sagen würdest.“

„Natürlich. Ich bin ein eigenständiger Denker.“

„Du liegst seit Stunden in einer Hängematte.“

„Gerade deshalb.“

Der Hai musste trotz sich selbst ein wenig lächeln.

Das Känguru bemerkte es sofort.

„Fortschritt.“


5) Die eigenen Geschichten des Kängurus

„Du redest leicht“, sagte der Hai. „Du bist von deiner Vergangenheit vollkommen überzeugt.“

„Natürlich.“

„Du weißt nicht einmal, ob du wirklich in Australien warst.“

Das Känguru hob eine Pfote.

„Das weiß ich sehr wohl.“

Der Hai wartete.

„Also warst du dort?“

„Australien ist mehr als ein Ort.“

„Schon wieder.“

„Ich erinnere mich an rote Erde.“

„Das kann vieles sein.“

„Eukalyptus.“

„Auch hier gibt es Eukalyptus.“

„Hitze.“

„Ebenfalls wenig beweiskräftig.“

„Kängurus.“

Der Hai sah es an.

„Du bist selbst eins.“

„Gerade deshalb ist die Erinnerung besonders glaubwürdig.“

Der Hai lehnte sich zurück.

„Du weißt es also auch nicht.“

Das Känguru wirkte beleidigt.

„Ich weiß vieles. Ich halte nur geografische Eindeutigkeit für überschätzt.“

„Das ist dasselbe Problem wie beim Waschbär.“

„Nein. Beim Waschbär ist es Dialekt.“


6) Das Hier und Jetzt

Eine Weile schwiegen beide.

Das war ungewöhnlich.

Dann sagte der Hai:

„Vielleicht muss ich tatsächlich akzeptieren, dass nicht alles rekonstruierbar ist.“

Das Känguru nickte.

„Endlich.“

„Ich weiß, dass ich im Hochregallager war.“

„Tragische Phase.“

„Sie war sehr ordentlich.“

„Eben.“

„Und davor weiß ich wenig.“

Das Känguru nahm noch eine Praline.

„Aber du bist jetzt hier.“

„Das stimmt.“

„Du hast einen Gartenplan.“

„Ja.“

„Eine Beregnungsanlage.“

„Ja.“

„Ein Tablet voller Tabellen.“

„Mehrere.“

„Dann ist deine Gegenwart doch gut dokumentiert.“

Der Hai dachte nach.

„Das ist ein überraschend brauchbarer Gedanke.“

Das Känguru strahlte.

„Karl Marx.“

„Nein.“


7) Gegenwart ist schwieriger als gedacht

Der Hai versuchte es.

Er sah auf den Garten.

Nicht auf die Feuchtigkeitswerte.

Nicht auf die Regnerpositionen.

Einfach nur auf den Garten.

Das Mähschaf zog ruhig seine Bahnen.

Raseline ebenfalls.

Uschi und Lara saßen etwas weiter hinten unter dem Sonnensegel.

Kroko war in der Küche.

Waschbär malte irgendetwas an einem kleinen Stück Karton.

Mozart las.

Alles war vollkommen gewöhnlich.

Und angenehm.

Der Hai hielt es ungefähr drei Minuten aus.

Dann sagte er:

„Der Regner dort steht immer noch etwa zwei Zentimeter anders als im Plan.“

Das Känguru seufzte.

„Du bist noch nicht bereit für die revolutionäre Gegenwart.“

„Ich arbeite daran.“

„Das Proletariat wartet nicht.“

„Welches Proletariat?“

Das Känguru zeigte auf das Mähschaf.

Das Mähschaf fuhr vorbei.

„Alles gut.“

Der Hai schüttelte den Kopf.


8) Ein letzter Versuch des Waschbären

Am frühen Abend kam Waschbär auf die Terrasse.

„Hai.“

„Was?“

„Ich wollte dir helfen.“

Der Hai wurde sofort vorsichtig.

„Wobei?“

„Mit der Vergangenheit.“

„Nein.“

„Nur ein Hinweis.“

„Nein.“

Waschbär beugte sich näher.

„Vielleicht habe ich Schweizerdeutsch von einem alten Nachbarn gelernt.“

Der Hai blinzelte.

„Was für ein Nachbar?“

„Oder aus dem Fernsehen.“

„Du hast gerade—“

„Oder von einer Reise.“

„Waschbär.“

„Oder ich war als Kind im Wallis.“

„Warst du?“

Waschbär dachte nach.

„Weiß nicht.“

Der Hai stand auf.

„Ich gehe jetzt den Garten beregnen.“

„Die Anlage macht das automatisch.“

„Dann schaue ich ihr zu.“

„Das klingt gesund.“

„Geh weg.“

Waschbär grinste.

„En schöne Abig.“


9) Gleichmäßige Bögen

Kurz vor Sonnenuntergang begann der Bewässerungszyklus.

Ein Magnetventil öffnete.

Dann das nächste.

Die Versenkregner fuhren aus dem Rasen.

Wasser spannte sich in sauberen Bögen über den Garten.

Der Hai stand am Rand der Terrasse.

Er betrachtete die Überlappungen.

Die Reichweiten.

Die feinen Tropfen.

Normalerweise hätte er geprüft, ob wirklich alles exakt dem Plan entsprach.

Heute versuchte er es anders.

Er ließ den Blick einfach wandern.

Über den Rasen.

Zu den Tomaten.

Zum Lavendel.

Zu den Vögeln, die bereits auf die feuchte Fläche warteten.

Das Känguru lag hinter ihm.

„Siehst du? Gegenwart.“

Der Hai nickte.

„Mit automatisierter Bewässerung.“

„Auch Revolutionen brauchen Infrastruktur.“

Der Hai drehte sich um.

„Das hat Marx auch nicht gesagt.“

„Hätte er aber.“


10) Nicht alles muss abgeschlossen sein

Als die Sonne tiefer sank, wurde der Garten golden.

Die Regner bewegten ihre feinen Wasserfächer durch das Licht.

Waschbär ging diesmal nicht hinein. Er saß mit Stinkerle auf der Terrasse und betrachtete den Regen.

Uschi brachte kühle Getränke.

Kroko stellte eine kleine Schale mit Obst dazu.

Mozart setzte sich neben den Hai.

„Besser?“

Der Hai dachte nach.

„Etwas.“

„Fragen noch da?“

„Alle.“

„Aber?“

Der Hai sah auf den Garten.

„Sie müssen heute nicht beantwortet werden.“

Mozart lächelte.

Das Känguru hob seine Schnapspraline.

„Wie Karl Marx sagte: Nicht jede Akte muss vor Feierabend geschlossen werden.“

Der Hai drehte sich langsam um.

„Das hast du gerade erfunden.“

„Ja.“

„Gut.“

Das Känguru blinzelte.

„Du bist entspannter.“

Der Hai nahm sein Glas.

„Nur für heute.“

Mozart sah den Wasserbögen nach und sagte:

„Nicht jede Geschichte beginnt dort,
wo wir sie kennenlernen.
Manche Kapitel fehlen,
manche widersprechen sich,
und manche werden von Waschbären erzählt,
die heute im Wallis waren
und morgen vielleicht in Basel.

Wer alles wissen möchte,
wird an solchen Lücken unruhig.
Doch die Gegenwart verlangt keine vollständige Akte.
Sie steht einfach da:
ein Garten im Abendlicht,
Wasser über dem Rasen,
Freunde auf der Terrasse.

Vielleicht genügt es manchmal,
nicht zu wissen, woher alle kamen –
solange man weiß,
dass sie jetzt hier sind.“