Einladung nach unten
„Lust, noch runterzukommen?“, fragte der Hai nach dem Abendessen, als die letzten Oliven auf der Pizza vernascht und die Rotweingläser leer waren.
„Klar“, sagte das Känguru. „Aber nur, wenn du den guten Scotch aufmachst.“
„Selbstverständlich“, entgegnete der Hai. „Ich habe heute das perfekte Verhältnis getestet: 40% Cola, 60% Whisky, serviert bei exakt 17,2 Grad Celsius mit einem Eiswürfel – nicht mehr, nicht weniger.“
„Klingt nach der Getränkefassung des Grundgesetzes.“
„Oder der Spielanleitung eines Beamten.“
Maschinenraum & Moneten
Unten im Erdgeschoss, liebevoll Maschinenraum genannt, war es angenehm kühl. Zwischen Leitzordnern, sauber etikettierten Regalen und einer Stehlampe aus dem Jahr 1996 hatte der Hai alles vorbereitet: Zwei Gläser, ein kleiner Holztisch – und die Monopoly-Schachtel aus Kindheitstagen.
„Hausordnung-konform aufbewahrt“, sagte er stolz, „Plättchen sortiert nach Spielerfarbe.“
„Ich nehm Rot“, sagte das Känguru.
„Kommunistisches Rot.“
„Ich bleib bei Blau. Für Struktur, Stabilität – und das Finanzamt.“
Die Würfel rollen
Anfangs lief alles harmonisch.
Das Känguru kaufte das Wasserwerk und den Elektrizitätsbetrieb („Volkseigentum!“), der Hai baute akribisch Hotels auf der Schlossallee.
Der Scotch schmeckte hervorragend – das Känguru lobte sogar den Eiswürfel („Schmilzt mit Haltung“).
Doch bald wurde das Spiel… weltanschaulich.
„Also wirklich“, sagte das Känguru, „Miete auf der Badstraße? Das ist strukturelle Ausbeutung.“
„Es sind die Regeln. Ohne Struktur kein Spiel.“
„Struktur ist was anderes als Unterdrückung!“
„Du hast dem Kauf zugestimmt. Vertragsfreiheit.“
„Vertrag? Ich hab gewürfelt!“
Ein bisschen knirscht es
Es wurde hitziger.
Das Känguru baute auf den Bahnhöfen und wollte freies Reisen für alle.
Der Hai bestand auf Strafzahlungen wegen Bauverzögerung.
„Dein System ist kaputt“, rief das Känguru.
„Dein System ist utopisch“, konterte der Hai.
„Die Gemeinschaftskarte verlangt Solidarität!“
„Die Ereigniskarte sagt: Gehen Sie direkt ins Gefängnis.“
Stille.
Ein tiefes Seufzen.
Dann tranken beide einen Schluck.
Ein spätes Einvernehmen
„Weißt du“, sagte das Känguru nach einer Weile, „ich mag dich trotzdem. Auch wenn du ein Paragraf bist auf zwei Flossen.“
„Und ich dich. Auch wenn du das Regelwerk jedes Mal revolutionieren willst.“
Sie lachten.
Ein ehrliches, müdes, spätes Lachen.
Dann packten sie das Spiel ein. Der Hai sortierte still die Scheine. Das Känguru ließ eine kleine rote Spielfigur heimlich im Regal stehen. „Für später“, murmelte es.
Und so endete der Samstagabend mit zwei unterschiedlichen Weltanschauungen, die auf einem Spielfeld kollidierten – aber am Glasrand wieder zueinanderfanden. Denn zwischen Paragraph und Protest passt manchmal ein Tropfen Scotch. Und ein Stück ehrlicher Freundschaft.