29. August 2026 Sonnig Sommer 8 min

Odins Samstagsrunde und ein tropfender Schrank

Odins Samstagsrunde und ein tropfender Schrank

1) Odins Samstagsrunde

Am Samstagvormittag nahm Odin den Schlüssel von Metzger Wolf, setzte seine Sonnenbrille auf und steckte das Smartphone ein.

„Bin kurz weg.“

Der Hai sah von seinen Flohmarkt-Preisetiketten auf.

„Zu Wolf?“

„Ja.“

„Briefkasten, Pflanzen, Lüften?“

Odin nickte.

Der Hai wirkte zufrieden.

„Geregelter Ablauf.“

Odin ging.

Metzger Wolf wohnte tatsächlich nur ein paar Straßen entfernt. Odin kannte den Weg gut und schloss die Haustür auf, als hätte er das schon oft gemacht.

Was er vermutlich auch hatte.

Im Flur war es still.

Sehr still.

Keine Stimmen, kein Radio, kein Klappern aus der Küche.

Odin öffnete zunächst einige Fenster für ein paar Minuten.

Dann holte er die Zeitung herein, die noch im Rohr steckte, und nahm mehrere Briefe aus dem Briefkasten.

Alles kam ordentlich auf einen Stapel.

Danach waren die Zimmerpflanzen dran.

„Wasser.“

Eine nach der anderen bekam genau genug.


2) Ein Geräusch, das nicht hierher gehört

Odin war gerade in der Küche, als er innehielt.

Tropf.

Er sah sich um.

Stille.

Dann wieder:

Tropf.

Odin ging zum Spülbecken.

Oben war alles trocken.

Er öffnete den Unterschrank.

Dort roch es leicht feucht.

Auf dem Boden des Schranks hatte sich unter den Rohren ein kleiner dunkler Fleck gebildet.

„Hm.“

Odin fühlte vorsichtig an den Verbindungen.

Eine davon war nass.

Wieder ein Tropfen.

Nicht viel.

Aber genug, dass es über fast zwei Wochen Urlaub unangenehm hätte werden können.

Odin nahm sein Smartphone heraus.

Er rief zu Hause an.

Wie meistens ging der weiße Tiger ans Festnetz.

„Flanellweg.“

„Stinkerle da?“

„Ja.“

„Unter Wolfs Spüle tropft es.“

Kurze Pause.

„Ich schicke ihn.“

„Gut.“

Im Hintergrund hörte Odin Waschbär rufen:

„Wohin geht Stinkerle?“

Odin schloss kurz die Augen.


3) Stinkerle kommt nicht allein

Keine zwanzig Minuten später klingelte es.

Odin öffnete.

Stinkerle stand vor der Tür.

Werkzeugtasche in der Pfote.

Und daneben Waschbär.

„Warum ist er dabei?“, fragte Odin.

Stinkerle sah zu Waschbär.

„Er stand schon an der Tür.“

Waschbär grinste.

„Technische Unterstützung.“

„Nein“, sagte Stinkerle.

„Moralische Unterstützung.“

Odin ließ beide rein.

Waschbär sah sofort in den Flur.

Dann ins Wohnzimmer.

Dann auf eine Kommode.

Dann auf einen Bilderrahmen.

„Wolf wohnt sehr ordentlich.“

Odin zeigte zur Küche.

„Da.“

Stinkerle kniete sich vor den Unterschrank.

Waschbär blieb direkt hinter ihm.

„Das ist spannend.“

„Du fasst nichts an.“

„Ich schaue nur.“

Zwei Sekunden später öffnete Waschbär eine andere Schranktür.

„Waschbär.“

„Ich schaue erweitert.“


4) Die undichte Dichtung

Stinkerle trocknete zuerst alles ab.

Dann legte er ein Tuch unter die Rohrverbindung und prüfte sie erneut.

„Hier.“

Odin beugte sich etwas herunter.

Zwischen Siphon und Anschluss saß eine Dichtung nicht mehr sauber.

„Nicht dramatisch“, sagte Stinkerle. „Aber sie dichtet nicht mehr gleichmäßig.“

Waschbär kniete sich dazu.

„Warum?“

„Alter. Bewegung. Vielleicht wurde der Ring irgendwann etwas verkantet.“

Stinkerle löste die Verbindung.

Ein wenig Restwasser lief ins bereitgestellte Gefäß.

„Immer erst was drunter“, erklärte er.

Waschbär nickte ernst.

„Sonst Küchensee.“

„Genau.“

Die alte Dichtung kam heraus.

Stinkerle prüfte sie.

„Etwas hart geworden.“

Aus seiner Werkzeugtasche holte er tatsächlich eine passende Ersatzdichtung.

Odin sah ihn an.

„Hast du alles dabei?“

„Fast.“

Die neue Dichtung wurde eingesetzt, die Verbindung sauber ausgerichtet und handfest angezogen.

„Nicht überdrehen. Sonst verformt man die Dichtung wieder.“

Dann ließ Stinkerle Wasser laufen.

Er prüfte.

Trocken.

Noch einmal.

Trocken.

„Gut.“


5) Trocknen und kontrollieren

Damit war es für Stinkerle noch nicht erledigt.

Er nahm die Sachen aus dem Unterschrank.

Ein paar Reinigungsmittel.

Eine kleine Bürste.

Müllbeutel.

Alles wurde kurz kontrolliert.

Der Schrankboden war nur oberflächlich feucht.

Keine Aufquellung.

Kein muffiger Geruch.

„Rechtzeitig entdeckt“, sagte Stinkerle.

Odin nickte.

„Gut.“

Stinkerle trocknete die Fläche gründlich und ließ die Schranktüren offen.

„Noch ein paar Stunden auslüften lassen. Odin, wenn du morgen wieder vorbeikommst, einmal kontrollieren.“

„Mach ich.“

Waschbär hatte inzwischen eine kleine Gewürzmühle auf der Arbeitsfläche entdeckt.

„Wolf hat gutes Salz.“

„Nicht anfassen.“

Waschbär zog die Pfote zurück.

„Ich wollte nur die Körnung beurteilen.“

Odin sah ihn an.

„Wir gehen.“


6) Belohnung bei Björn

„Wohin?“, fragte Waschbär draußen.

Odin setzte seine Sonnenbrille auf.

„Björn.“

Waschbär strahlte.

Stinkerle grinste.

„Das ist offenbar unsere Bezahlung.“

„Ja“, sagte Odin.

Bei der Bäckerei war gerade nicht viel los.

Björn sah die drei hereinkommen.

„Oh. Große Delegation.“

Odin deutete auf Stinkerle und Waschbär.

„Haben geholfen.“

„Dann dürfen sie sich was aussuchen.“

Waschbär stand sofort vor der Auslage.

Das war eine schwierige Entscheidung.

Streuseltaler.

Puddingteilchen.

Croissants.

Fruchtplunder.

Kleine Törtchen.

Stinkerle entschied sich nach kurzer Zeit für ein ordentliches Käsegebäck.

Waschbär brauchte deutlich länger.

„Kann ich zwei halbe Sachen?“

Björn lachte.

„Heute ja.“

Waschbär nahm schließlich ein halbes Puddingteilchen und ein halbes Stück Obstplunder.

Odin zeigte auf eine große Torte.

Spätsommerlich dekoriert mit Pflaumen, Beeren, etwas Sahne und dunkleren Schokoladenelementen.

„Die.“

Björn nickte.

„Für alle?“

„Ja.“


7) Waschbär entdeckt die Backstube

Während Odin mit Björn sprach, war Waschbär plötzlich verschwunden.

Stinkerle sah sich um.

„Wo ist er?“

Aus der offenen Tür zur Backstube kam eine Stimme:

„Oh!“

Stinkerle schloss die Augen.

In der Backstube stand Waschbär bei Frau Biber.

Sie hatte gerade kleine Tartes vorbereitet.

„Was machst du hier?“, fragte Stinkerle.

Waschbär zeigte auf die Arbeitsfläche.

„Patisserie.“

Frau Biber lachte.

„Er wollte nur schauen.“

„Er hätte fragen können.“

Waschbär sah zu ihr.

„Darf ich schauen?“

„Jetzt ja.“

Frau Biber erklärte ihm kurz, wie sie die Früchte anordnete und warum die Creme vorher gut gekühlt sein musste.

Waschbär hörte aufmerksam zu.

„Das ist wie Malen, nur essbar.“

„Ein bisschen“, sagte Frau Biber.

Odin erschien in der Tür.

„Wir wollten gehen.“

„Gleich.“

„Jetzt.“

Waschbär verabschiedete sich höflich.

Immerhin.


8) „Noch ein Eis“

Draußen sagte Waschbär:

„Jetzt noch Eis.“

Odin blieb stehen.

„Nein.“

Stinkerle sah zum Himmel.

Es war warm, aber angenehm.

„Eigentlich wäre Eis nicht schlecht.“

Odin sah ihn an.

„Du auch?“

Stinkerle zuckte mit den Schultern.

„Wir haben gearbeitet.“

Waschbär nickte energisch.

„Sanitärnotfall.“

„Es war eine Dichtung“, sagte Odin.

„Ein kleiner Sanitärnotfall.“

Odin seufzte.

„Ein Eis.“

Beim Pinguin bestellte Waschbär zwei Kugeln.

Stinkerle eine.

Odin wollte zunächst gar nichts.

Dann sah er die Auslage.

„Eine kleine Kugel.“

Pinguin grinste.

„Welche?“

Odin dachte kurz nach.

„Vanille.“

Waschbär sah ihn an.

„Sehr mutig.“

Odin nahm sein Eis.

„Schmeckt.“

Damit war die Diskussion beendet.


9) Rückkehr mit Torte

Als die drei zurückkamen, sah Uschi zuerst die große Tortenschachtel.

„Was habt ihr denn gemacht?“

„Wolf“, sagte Odin.

Stinkerle ergänzte:

„Undichte Siphonverbindung.“

Der Hai war sofort da.

„Wo genau?“

Stinkerle erklärte es kurz.

„Neue Dichtung. Alles trocken. Morgen Nachkontrolle.“

Der Hai nickte zufrieden.

Dann sah er auf Waschbär.

„Warum bist du mit?“

Waschbär leckte den letzten Rest Eis vom Löffel.

„Feldforschung.“

„Er ist in Wolfs Schränke schauen gegangen“, sagte Odin.

„Nur wenig.“

„Und in Björns Backstube“, ergänzte Stinkerle.

Uschi sah Waschbär an.

„Du kannst doch nicht überall einfach hineinlaufen.“

Waschbär dachte nach.

„Ich lerne viel.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Aber ein Vorteil.“


10) Ein stiller Samstagabend

Am Abend blieb alles ruhig.

Kroko machte nur etwas Kleines zu essen.

Kein großes Menü.

Danach wurde Odins Torte angeschnitten.

Die Pflaumen passten perfekt zum Spätsommer, die Beeren brachten etwas Säure, und die Creme war leicht genug, dass nach dem Eis trotzdem noch alle ein Stück wollten.

Der weiße Tiger nahm einen Bissen.

„Sehr überzeugend.“

Waschbär nickte.

„Frau Biber kann das.“

Stinkerle sah ihn an.

„Das weißt du jetzt aus erster Hand.“

Odin saß zufrieden zurückgelehnt auf der Terrasse.

Wolf hatte keine nasse Küche.

Die Post war drin.

Die Pflanzen waren gegossen.

Der Schlüssel wieder an seinem Platz.

Und außerdem gab es Torte.

Mozart sah in die Runde und sagte:

„Manche Samstagsrunden sind dafür gedacht,
einen Briefkasten zu leeren
und ein paar Pflanzen zu gießen.

Dann hört jemand einen Tropfen,
eine Dichtung braucht Hilfe,
Stinkerle bringt Werkzeug
und aus unerfindlichen Gründen
auch einen neugierigen Waschbär.

Aus einer kleinen Reparatur werden
Gebäck beim Bäcker,
ein Besuch in der Backstube
und noch ein Eis auf dem Heimweg.

Vielleicht sind gute Tage oft genau so:
Man löst erst ein kleines Problem
und stellt erst später fest,
wie viel Schönes unterwegs
noch daran hängen geblieben ist.“