Die Vision
„Es fehlt uns an Kultur!“, ruft das Känguru beim Frühstück in die Runde.
„An revolutionärer Erzählung! An bewegten Bildern unter freiem Himmel!“
Uschi nippt an ihrem Kaffee und fragt: „Du meinst Sommerkino?“
„Sommerkino?“, wiederholt das Känguru. „Klingt kapitalistisch, aber... ja.“
Der Hai hebt den Kopf: „Nur unter bestimmten Sicherheitsbedingungen. Projektionsschutz, Kabelführung, Lautstärkeverordnung, Brandschutzkissen für den Beamer—“
„– wird alles gelöst“, winkt das Känguru ab.
Tigerlein ruft: „Ich kann den Ton abmischen!“
Der Aufbau
Am Nachmittag ist die Chill-Zone kaum wiederzuerkennen:
- Hängematten in Dreierreihen, leicht schräg auf den „Bildschirm“ gerichtet
- Ein altes weißes Laken als Leinwand, mit Wäscheklammern am Apfelbaum befestigt
- Decken, Sitzkissen, kleine Lichterketten
- Der Projektor (aus dem Büro entliehen, mit Wissen – oder ohne – des großen Tigers) steht auf einer Apfelsinenkiste
Waschbär bringt Popcorn in einer Emailleschüssel.
Die Küchenkatzen liefern Thunfischcracker auf Porzellan.
Uschi verteilt Melissensirup mit Sprudelwasser.
Kroko fragt: „Kommt auch ein Hai-Film?“
Der Streit um das Genre
Das Känguru hat eine Auswahl vorbereitet:
- Das Leben ist schön – „Ein italienisches Meisterwerk über Menschlichkeit.“
- WALL·E – „Kapitalismuskritik mit Robotern.“
- Die Rote Zora – „Rebellion und Anarchie, gut gekämmt.“
- Shaun das Schaf – Der Film – „Widerstand in Plüsch.“
- Dokumentation: Die Revolution der Regenwürmer – „Selbsterklärend.“
Der Hai schlägt „Der weiße Hai“ vor.
Mozart plädiert für Amadeus.
Tigerlein flüstert „Studio Ghibli… irgendwas mit Wind oder Katzen…“
Es wird abgestimmt. Das Känguru besteht auf Basisdemokratie.
Nach zehn Minuten ist klar: Shaun das Schaf gewinnt. Einstimmig – außer vom Hai.
21 Uhr – Showtime
Der Garten ist dunkel, nur das Licht der Sterne und der flimmernden Leinwand erhellt die Chill-Zone. Die Tiere liegen dicht nebeneinander, in Decken gewickelt, mit Schüsseln auf den Bäuchen, halb dösend, halb gespannt.
Tigerlein hat einen perfekten Soundmix eingestellt.
Uschi summt leise die Musik mit.
Das Känguru sitzt mit Sonnenbrille (nachts!) und einem Notizbuch da und murmelt:
„Symbolische Auflehnung gegen Struktur. Großartig.“
Der Hai schreibt mit: „Filmdauer exakt 84 Minuten. Snacks in ausreichender Menge. Ordnung: gewährleistet.“
Danach
Noch lange sitzen sie beisammen. Mozart rezitiert aus dem Gedächtnis einen Satz des Films:
„Manchmal ist es das Kleinste, das die größte Bewegung auslöst.“
Das Känguru flüstert: „Kunst gehört allen.“
Die Küchenkatzen schnurren im Chor.
Und über dem Apfelbaum hängt das Laken wie ein friedliches Segel im Nachtwind.
Ein Zettel flattert im Wind, am Leinwandseil befestigt.
Darauf steht, mit schnörkeliger Schrift vom großen Tiger:
„Gesehen, gefühlt, verstanden – Filmabend wiederholen. Unbedingt.“