1) Tigerlein möchte den Spätsommer festhalten
Am Freitagmorgen stellte Tigerlein sein Aufnahmegerät auf die Terrasse.
Die Luft war mild.
Nicht mehr hochsommerlich heiß, aber noch warm genug, dass die Türen offen bleiben konnten.
Im Garten standen die Sonnenblumen etwas schwerer als noch vor einigen Wochen. Die Tomaten waren endlich in großer Zahl reif, und zwischen den Bäumen lag dieses erste goldene Licht, das schon ein wenig nach September aussah.
Tigerlein setzte die Kopfhörer auf.
„Heute keine große Nachricht.“
Waschbär saß daneben und malte kleine Preisschilder für den Flohmarkt.
„Was dann?“
„Spätsommer.“
„Als Thema?“
„Als Gefühl.“
Mozart kam mit seinem Notizbuch vorbei.
Tigerlein sah ihn sofort.
„Perfekt.“
Mozart blieb stehen.
„Was habe ich getan?“
„Du klingst nach Spätsommer.“
Mozart musste lachen.
„Das ist eine interessante Diagnose.“
2) Der Hai entwickelt ein Preissystem
Am anderen Ende des Tisches saß der Hai.
Vor ihm lagen kleine Etiketten, Stifte, eine Liste der Verkaufsgegenstände und natürlich sein Labelgerät.
„Wir brauchen einheitliche Preise.“
Stinkerle sah auf einen alten Beistelltisch.
„Dann schreib fünf Euro dran.“
Der Hai sah entsetzt aus.
„Ohne Marktvergleich?“
„Es ist ein Hofflohmarkt.“
„Gerade deshalb.“
Er hatte bereits Kategorien gebildet:
1–3 Euro: Kleinteile
5–10 Euro: brauchbare Haushaltsgegenstände
10–25 Euro: Lampen, kleinere Möbel, bessere Stücke
Waschbär hielt ein Schild hoch.
SCHÖNES DING – 4 €
Der Hai nahm es ihm weg.
„Nein.“
„Aber das ist sympathisch.“
„Man muss wissen, was verkauft wird.“
„Es steht direkt davor.“
Der Hai dachte darüber nach.
Dann legte das Schild beiseite.
Nicht in den Müll.
Nur beiseite.
3) Coccodrillo beginnt früh
Kroko hatte bereits am Vormittag beschlossen:
„Lasagne.“
Lara sah in die Küche.
„Große?“
„Sehr große.“
Uschi brachte einen Korb voller reifer Tomaten aus dem Garten herein.
Dazu kamen Zwiebeln und Karotten vom Wochenmarkt.
Kroko legte alles auf die Arbeitsfläche.
„Heute richtig.“
Er begann mit der Sauce.
Zwiebeln fein schneiden.
Karotten klein würfeln.
Etwas Sellerie dazu.
Alles langsam in Olivenöl anschwitzen.
Dann das Fleisch.
Kräftig anrösten.
Nicht einfach grau werden lassen.
„Röstaromen“, sagte Kroko.
Der Hai sah kurz aus dem Wohnzimmer herein.
„Maillard-Reaktion.“
Kroko zeigte mit dem Kochlöffel Richtung Flohmarkttisch.
„Preisschilder.“
Der Hai verschwand wieder.
4) Die Tomaten aus dem eigenen Garten
Die Tomaten wurden gehäutet, grob zerkleinert und kamen zur Sauce.
Waschbär steckte den Kopf herein.
„Sind das unsere?“
„Fast alle.“
Er nahm eine kleine Tomate.
„Die haben wir gegossen.“
„Ja.“
„Und gedüngt.“
„Ja.“
„Und beschattet.“
„Ja.“
„Und automatisiert beregnet.“
Kroko sah ihn an.
„Willst du sie essen oder einen Lebenslauf schreiben?“
Waschbär biss hinein.
„Essen.“
Die Sauce durfte nun lange köcheln.
Knoblauch.
Kräuter.
Ein wenig Wein.
Salz.
Pfeffer.
Zeit.
Kroko probierte.
Dann noch einmal.
„Noch.“
Was genau fehlte, sagte er nicht.
Er gab einen kleinen Löffel Tomatenmark dazu und ließ alles weiter reduzieren.
5) Mozart erzählt ins Mikrofon
Während die Sauce leise blubberte, saß Mozart mit Tigerlein auf der Terrasse.
„Erzähl einfach von einem Spätsommer, an den du dich erinnerst“, sagte Tigerlein.
Mozart sah in den Garten.
Dann begann er.
Von einer Reise durch eine trockene Landschaft, in der die Hitze am Nachmittag fast vollständig verstummte und das Leben erst gegen Abend wieder auf die Straßen zurückkehrte.
Von einem kleinen Gasthaus mit offenen Fenstern.
Von staubigen Wegen.
Von Früchten auf einem Markt.
Von einer Nacht, in der die Luft nach Erde und Gewürzen gerochen hatte.
Tigerlein unterbrach ihn kaum.
„Wo war das?“
Mozart lächelte.
„Weit im Süden.“
„Welches Land?“
Mozart blickte zum Mikrofon.
„Das ist für die Geschichte nicht so wichtig.“
Tigerlein akzeptierte das.
Der Hai hätte es nicht getan.
6) Lara erzählt von Frankreich
Später kam Lara dazu.
Tigerlein fragte:
„Und dein Spätsommer?“
Lara dachte kurz nach.
„Frankreich.“
„Natürlich.“
Sie erzählte von ihrer Region.
Von warmen Nachmittagen, an denen die Häuserläden halb geschlossen blieben.
Von kleinen Straßen.
Von Märkten, die schon früh am Morgen voller Obst, Käse und Brot waren.
Von Abenden, an denen man draußen saß und niemand besonders schnell nach Hause wollte.
„Es war dieses langsame Gefühl“, sagte Lara. „Man konnte etwas essen, ein Glas trinken, reden, noch sitzen bleiben. Die Tage waren nicht leer. Nur nicht so gehetzt.“
Tigerlein hörte aufmerksam zu.
„Welche Region war das genau?“
Lara lächelte.
„Südlich genug.“
„Das klingt wie Mozart.“
„Vielleicht.“
„Stadt? Dorf?“
Lara sah in den Garten.
„C’est la vie.“
Tigerlein lachte.
Das Mikrofon nahm alles auf.
7) Die Béchamel muss stimmen
Am Nachmittag machte Kroko die Béchamel.
Butter schmelzen.
Mehl einrühren.
Kurz anschwitzen.
Dann nach und nach warme Milch.
Immer rühren.
„Keine Klümpchen“, sagte Stinkerle.
Kroko sah ihn an.
„Natürlich nicht.“
Muskat.
Salz.
Ein wenig weißer Pfeffer.
Die Sauce wurde glatt und cremig.
Nicht zu dick.
Nicht zu dünn.
Dann kam der Parmigiano Reggiano.
Kroko rieb ihn frisch.
Waschbär roch daran.
„Sehr italienisch.“
„Ja.“
„Coccodrillo.“
Kroko hielt kurz inne.
Dann nickte er.
„Heute Coccodrillo.“
Das war ein gutes Zeichen.
8) Schicht für Schicht
Die große Form wurde bereitgestellt.
Erste Schicht Sauce.
Dann Lasagneplatten.
Ragù.
Béchamel.
Parmigiano.
Wieder Platten.
Wieder Ragù.
Wieder Béchamel.
Wieder Käse.
Uschi sah zu.
„Wie viele Schichten?“
„Bis voll.“
Der Hai kam herein.
„Das ist keine genaue Angabe.“
Kroko legte die nächste Platte.
„Fünf.“
Der Hai nickte zufrieden.
Waschbär flüsterte:
„Er hat nur für dich gezählt.“
Oben kam eine großzügige Schicht Béchamel und Käse.
Dann wanderte die Form in den Ofen.
Kroko stellte sich davor.
„Jetzt nichts tun.“
Für ihn war das vermutlich der schwierigste Teil.
9) Der Hai hört plötzlich Vergangenheit
Am frühen Abend saß Tigerlein mit Kopfhörern am Rechner und schnitt.
Mozarts Stimme:
„…und abends wurde es plötzlich kühl, obwohl der ganze Tag aus Hitze bestanden hatte…“
Dann Lara:
„…die kleinen Plätze waren noch voll, und irgendjemand brachte immer noch etwas Brot…“
Der Hai ging vorbei.
Blieb stehen.
Drehte sich langsam um.
„Was ist das?“
Tigerlein nahm einen Kopfhörer ab.
„Podcast.“
„Mozart erzählt von einer Reise.“
„Ja.“
Der Hai kam näher.
„Und Lara gerade von Frankreich.“
„Ja.“
Der Hai sah Tigerlein an.
„Sie erzählen dir das einfach?“
„Ich habe gefragt.“
„Ich habe auch gefragt.“
„Vielleicht anders.“
Der Hai hörte weiter.
Mozart nannte kein Jahr.
Kein Land.
Lara keine konkrete Stadt.
Der Hai verschränkte die Flossen.
„Ich erfahre mehr.“
Tigerlein nickte.
„Siehst du.“
„Aber meine Fragen sind weiterhin offen.“
„Auch das stimmt.“
Der Hai wusste nicht, ob er zufrieden oder unzufrieden sein sollte.
Also war er beides.
10) Die Lasagne kommt aus dem Ofen
Dann öffnete Kroko die Ofentür.
Alle anderen Gedanken wurden augenblicklich unwichtig.
Die Lasagne war tief goldbraun.
An den Rändern blubberte Sauce.
Der Käse hatte dunkle, knusprige Stellen bekommen.
Der Duft zog durchs ganze Haus.
Kroko sah sie an.
Dann sagte er leise:
„Sehr gut.“
Das war außergewöhnlich.
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
„Wenn Kroko seine eigene Lasagne lobt, muss etwas passiert sein.“
Kroko ließ sie ruhen.
„Zehn Minuten.“
Das Känguru erschien.
„Warum?“
„Damit sie nicht auseinanderläuft.“
„Aber ich habe Hunger.“
„Zehn Minuten.“
„Autoritäre Küchenführung.“
Niemand unterstützte das Känguru.
11) Ein wahrer Coccodrillo
Dann wurde angeschnitten.
Die Stücke hielten.
Schicht für Schicht sichtbar.
Die Sauce kräftig und tief.
Die Tomaten frisch und leicht süß.
Die Béchamel weich und cremig.
Der Parmigiano würzig.
Alles zusammen genau richtig.
Odin nahm den ersten Bissen.
„Sehr gut.“
Der weiße Tiger:
„Außergewöhnlich überzeugend.“
Uschi lächelte.
Lara schloss kurz die Augen.
„Magnifique.“
Kroko sah sie an.
„Italienisch.“
„Trotzdem magnifique.“
Waschbär hob die Gabel.
„Coccodrillo!“
Diesmal widersprach Kroko nicht.
Er nahm selbst einen Bissen.
Dann noch einen.
Und lächelte.
„Ja.“
Der Hai hatte seine offenen Fragen vergessen.
Seine Preisetiketten auch.
Sogar das Känguru war für mehrere Minuten still.
Mozart sah über den Tisch und sagte:
„Ein Freitag muss nicht alle Fragen beantworten.
Vielleicht erzählt jemand von einer Reise,
ohne den Ort zu nennen,
oder von Frankreich,
ohne eine Stecknadel auf die Karte zu setzen.Vielleicht liegen auf einem Tisch
noch unfertige Preisschilder
und in einem Kopf noch offene Kapitel.Doch in der Küche schichten sich derweil
Tomaten aus dem Garten,
Gemüse vom Markt,
Béchamel, Pasta und Parmesan
zu etwas, das keine Erklärung braucht.Und wenn selbst Kroko am Ende
zufrieden auf seinen Teller sieht,
dann weiß man:
Das Wochenende hat begonnen –
und heute sitzt ein wahrer Coccodrillo
mit am Tisch.“