Dienstagmorgen im Flur
Der Dienstag im Flanellweg begann nach Kaffee und Tee mit einer Besprechung im Flur.
Der Hai stand vor dem großen Spiegel und blätterte auf seinem Klemmbrett.
„Punkt eins“, verkündete er. „Vorratsliste aktualisiert. Punkt zwei: Kaminholzsortierung. Punkt drei: Raumübersicht.“
„Raumübersicht?“ fragte der Waschbär und jonglierte gedankenverloren mit drei Mandarinen. „Wir haben doch Küche, Wohnzimmer, Bad, Büro, Dachboden, Keller. Und… Flur.“
„Und die Lounge“, ergänzte der Hai sachlich.
Die Mandarinen fielen gleichzeitig zu Boden.
„Welche Lounge?“
Uschi, die gerade mit einem Wäschekorb vorbeikam, lächelte.
„Mozart war gestern dort, bevor er das Vanillekipferl-Rezept gefunden hat. Ein schöner Raum. Alt, gemütlich. Voller Bücher.“
Der Waschbär runzelte die Stirn.
„Seit wann haben wir einen geheimen Raum, von dem ich nichts weiß?“
Das Regal, das im Weg steht
Sie standen zu dritt im Flur: Hai, Waschbär, Uschi. Vor ihnen: ein hohes Regal voller Schals, Körbchen und ein paar vergessenen Tassen, das an der Wand zwischen Bad und Büro lehnte.
„Mozart?“ rief Uschi Richtung Wohnzimmer.
Der Bär kam langsam den Flur entlang, die Zeitung unter dem Arm.
„Ja?“
Der Waschbär verschränkte die Arme.
„Angeblich gibt es in diesem Haus eine Lounge. Ich fordere Transparenz im Raumgefüge.“
Mozart sah zum Regal, dann zu den dreien.
Ein kleines, verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Nun… die Lounge war schon immer da. Die Tür auch. Das Regal… kam später. Und blieb. Ich habe mir erlaubt, gelegentlich dahinter zu verschwinden.“
„Hinter…?“
Der Hai hob eine Augenbraue. „Es gibt eine Tür hinter diesem Regal?“
Stinkerle, das zufällig aus dem Keller hochkam, blieb interessiert stehen.
„Tür? Versteckt? Ich hole Kroko, wir brauchen Muskelkraft.“
Drei Minuten später schoben Kroko und Stinkerle das Regal ächzend ein Stück zur Seite. Mit einem dumpfen Schaben legte sich Staub frei – und dahinter kam tatsächlich eine weiße Tür zum Vorschein, mit einer alten Messingklinke.
„Na also“, murmelte der Waschbär ehrfürchtig. „Das Haus hat ein Geheimnis.“
Erste Schritte in die Lounge
Mozart öffnete die Tür, als würde er einem alten Freund die Hand geben.
„Bitte“, sagte er. „Aber vorsichtig mit den Büchern. Die sind leicht nachtragend.“
Die Luft dahinter roch nach Papier, Holz und einem Hauch von vergangenem Sommerstaub. Die Lounge lag im Halbdunkel, nur durch ein Fenster zum Garten fiel graues Novemberlicht.
Der Waschbär trat ein und drehte sich langsam im Kreis.
Über zwei Wände zogen sich hohe Bücherregale, voll mit alten Bänden, Atlanten, vergilbten Heften. In einer Ecke stand ein Billardtisch mit einer leicht schiefen Lampe darüber, in einer anderen ein tiefes Sofa und ein Sessel, in dem eindeutig Mozarts Form zu erkennen war.
„Wie lange… gibt es das hier?“ fragte der Waschbär leise.
„Länger, als wir alle hier sind“, antwortete Mozart. „Manche Räume warten einfach, bis man alt genug ist, sie zu bemerken.“
Der Hai trat an einen Stapel Bücher.
„Literaturinventur“, murmelte er ehrfürchtig. „Unkartiert.“
Tigerlein tauchte im Türrahmen auf, Mikrofon in der Pfote.
„Geheime Lounge, Tag eins“, flüsterte er. „Fundort: Hinter dem Flurregal. Stimmung: Erstaunt bis ehrfürchtig.“
Der Waschbär strich mit den Pfoten über die Rücken der Bücher. Etwas Staub rieselte.
„Hier müsste man mal…“
Er stopfte den Satz zurück.
Mozart setzte sich in seinen Sessel und lächelte.
„Ja“, sagte er. „Müsste man.“
Großreinemachen mit Stil
Es dauerte keine Stunde, bis aus dem spontanen Besuch eine offizielle Aktion wurde.
Uschi brachte Eimer, Lappen und ein kleines Arsenal an Putzmitteln.
Elise fuhr vorsichtig hinein, schnupperte einmal elektronisch und begann konzentriert, die Teppichränder abzufahren.
Lara schaltete im Radio in der Küche auf ein leises Instrumentalprogramm und rief in den Flur:
„Ich sende euch Lounge-Jazz!“
Stinkerle reparierte die schiefe Lampe über dem Billardtisch und tauschte eine matte Birne aus. Waschbär befreite die oberen Regalböden mit einem Staubwedel, den er wie einen Dirigentenstab schwang.
„Ich getraue mir zu sagen“, prustete er, „das hier ist die beste Staubwolke des Monats.“
Der Hai stand an der Tür und machte sich Notizen:
- Lounge: freigeräumt
- Regal im Flur: vorläufig Zwischenlager
- Zustand: staubig, aber Potential
„Wohin mit dem Regal?“ fragte Kroko.
„Ins Wohnzimmer, neben den Kamin“, schlug Uschi vor. „Da können Decken und Spiele rein.“
Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Der Flur wirkte plötzlich breiter, die Tür zur Lounge selbstverständlicher, als hätte sie nie hinter Holz und Körben versteckt gelegen.
Ein heimlicher Weihnachtsplan
Als der gröbste Staub verschwunden war und die Lounge wieder atmen konnte, standen Waschbär und der Hai am Fenster und sahen hinaus auf den grauen Garten.
„Weißt du, was wir tun sollten?“ fragte der Waschbär leise.
„Vermutlich eine Liste erstellen“, antwortete der Hai reflexartig.
„Eine Liste für ein Weihnachtsgeschenk.“
Der Hai hielt inne.
„Für wen?“
„Für Mozart. Für seine Lounge.“
Sie setzten sich an den kleinen Beistelltisch. Tigerlein stellte sich unauffällig daneben und tat so, als würde er sein Mikrofon nur ablegen.
„Also gut“, sagte der Hai. „Projekt: ‚Lounge-Renovierung‘. Ziel: Mehr Licht, mehr Gemütlichkeit, Ordnung ohne Verlust von Charakter.“
Waschbär strahlte.
„Wir könnten einen neuen Lesesessel besorgen. Oder ein großes, weiches Kissen. Und eine warme Decke. Und vielleicht einen Teppich, der nicht aussieht, als hätte er schon drei Weltkriege gesehen.“
„Und bessere Leselampen“, ergänzte der Hai. „Und ein kleines Regal nur für seine Notizen und Gedichte.“
Aus dem Wohnzimmer klirrte leise Geschirr; Uschi war dabei, Tee zu kochen.
Das Känguru steckte kurz den Kopf zur Tür rein.
„Was plant ihr? Sehe ich da etwa Infrastrukturverbesserung?“
„Weihnachten“, sagte der Waschbär knapp. „Und Stille. Für Mozart.“
Das Känguru nickte ungewohnt ernst.
„Dann bin ich dabei. Aber ohne übertriebene Bürokratie.“
Der Hai seufzte.
„Minimal notwendige Bürokratie“, einigte er sich.
Abend im Kaminlicht und Mozarts Satz des Tages
Am Abend saßen sie wieder im Wohnzimmer.
Der Kamin brannte ruhig, der Flur wirkte anders, offener. Jedes Mal, wenn jemand zum Bad ging, glitt der Blick wie von selbst über die nun sichtbare Lounge-Tür – nicht mehr Geheimnis, sondern Einladung.
Mozart hatte die Zeitung in den Schoß gelegt und schaute gedankenverloren ins Feuer.
„Ich habe euch nie absichtlich ausgeschlossen“, sagte er plötzlich. „Die Lounge war einfach… mein leiser Ort. Manche Dinge erzählt man den Wänden, bevor man sie den Freunden erzählt.“
Uschi rückte näher an ihn heran.
„Jetzt ist es unser leiser Ort“, sagte sie sanft. „Wenn du magst. Du bleibst der Hausherr dort. Aber wir helfen dir, ihn schön zu halten.“
Der Waschbär räusperte sich.
„Und vielleicht… nur vielleicht… bekommst du zu Weihnachten noch ein paar Überraschungen für deine Lounge. Die du bitte nicht vorher aus den Inventarlisten herausliest.“
Der Hai tat so, als hätte er nichts gehört, und klappte sein Klemmbrett demonstrativ zu.
„Keine weiteren Fragen“, murmelte er.
Tigerlein schaltete das Mikrofon ein.
„Mozart, Satz des Tages?“
Mozart lehnte sich zurück, nahm einen Schluck Tee und sah abwechselnd in die Runde und zum Flur, wo die Lounge-Tür im Halbdunkel lag wie ein freundlicher Punkt am Satzende des Hauses.
Dann sagte er:
„Manche Räume im Haus
sind wie Gedanken im Kopf:
Versteckt hinter Regalen –
und doch froh, wenn jemand sie findet.“