1) Wettercheck vor Demokratie
Der Sonntag begann mit einem Ritual, das seit gestern neu war: Der Hai prüfte die Wetterdaten, bevor er überhaupt die Teedose öffnete. Er stand vor der Inneneinheit im Wohnzimmer, las Wind, Temperatur und Niederschlagswahrscheinlichkeit ab und nickte, als hätte der Himmel gerade die Tagesordnung bestätigt.
„Kein Regen“, sagte er. „Wind gering. Temperatur… akzeptabel.“
Kroko brummte: „Wir hätten auch einfach rausgucken können.“
„Wir gehen heute offiziell raus“, sagte der Hai. „Da will ich Gewissheit.“
Der weiße Tiger aus dem Büro war schon wach, stiller als sonst, aber sichtbar präsent. Odin kam aus seiner Einliegerwohnung hoch, und sogar das Känguru hatte heute weniger Theater – als würde es spüren, dass Wahlsonntag ein Tag ist, an dem man nicht nur witzig sein sollte.
Uschi stellte Tee hin, Lara ließ das Radio leise laufen, als wollte sie dem Tag eine ruhige Frequenz geben. Mozart saß schon im Sessel und beobachtete.
Dann sagte der Hai, sehr klar: „Wir wählen jetzt.“
2) Der Küchentisch als Wahllokal
Die Unterlagen lagen bereit: mehrere große Stimmzettel, mehrere Umschläge, mehrere Hinweise. Ortsbeirat, Gemeinde, Kreistag – der ganze kommunale Baukasten, der darüber entscheidet, wie ein Ort funktioniert, wenn niemand hinschaut.
Der Hai entfaltete die Zettel so sorgfältig, als wären es historische Dokumente. Er las die Anleitungen vor, prüfte die zulässigen Stimmen, erklärte noch einmal das Prinzip von Kumulieren und Panaschieren – und diesmal hörten alle wirklich zu.
„Also“, sagte Lara, „wir müssen nicht nur ein Kreuz machen.“
„Wir können viele“, bestätigte der Hai. „Aber wir müssen es korrekt machen.“
Dann kam schnell die zentrale Erkenntnis: Sie würden sich nicht auf eine Partei einigen.
Das Känguru war grundsätzlich dagegen, sich „in ein Parteischild pressen zu lassen“. Odin wollte pragmatisch denken. Uschi wollte Menschenfreundlichkeit. Kroko hatte eine klare Meinung zu Themen, aber wenig Geduld für Logos. Waschbär fand, dass Programme selten ästhetisch sind. Der weiße Tiger sagte fast nichts, sah aber so aus, als würde er jedes Argument speichern.
Also trafen sie eine typisch flanellwegige Entscheidung: kein Block, sondern eine Mischung.
„Wir wählen einzeln“, sagte Odin ruhig. „Dann bekommt jeder ein Stück.“
Der Hai zögerte kurz – ihm gefiel Ordnung, nicht Mosaik. Dann nickte er. „In Ordnung. Aber dann ordentlich.“
Sie setzten sich hin, jeder mit Stift und Haltung, und machten Kreuze: hier eine Kandidatin, dort ein Kandidat, hier ein pragmatischer Name, dort ein idealistischer. Es war nicht das große „Ja“, das das Känguru immer wollte, aber es war auch kein zynisches „Egal“. Es war ein ehrliches Abwägen.
Der Hai kontrollierte die Zettel am Ende wie ein Qualitätsprüfer: keine doppelten Unterschriften, keine ungültigen Markierungen, keine versehentlich übermalten Kästchen.
„Demokratie“, sagte er leise, „ist auch Handwerk.“
Mozart nickte. „Und Verantwortung in kleinen Kästchen.“
3) Umschläge, Ordnung, Ernst
Als die Kreuze gesetzt waren, begann der zweite Teil: Umschläge. Der Hai war jetzt endgültig in seinem Element.
„Stimmzettel in Umschlag A. Wahlschein dazu. Unterschrift hier. Dann Umschlag B. Dann Außenumschlag. Dann…“, er machte eine kleine Pause, „…so, dass alles stimmt.“
„Du bist wie ein Wahlhelfer im eigenen Haus“, murmelte Waschbär.
„Das ist ein Kompliment“, sagte der Hai.
Der weiße Tiger unterschrieb knapp, präzise. Odin unterschrieb wie jemand, der weiß, was eine Unterschrift bedeutet. Uschi unterschrieb warm, aber klar. Lara legte danach die Pfote auf den Stapel, als würde sie dem Papier still Glück wünschen.
Dann standen die Umschläge fertig da. Schwerer als ihr Gewicht, weil sie plötzlich Bedeutung hatten.
„Wir bringen sie jetzt weg“, sagte der Hai.
4) Gang zum Rathaus: sogar der weiße Tiger kommt mit
Sie gingen gemeinsam durchs Dorf. Nicht im Gleichschritt, aber geschlossen, wie eine kleine Delegation. Die Luft war mild, und auf dem Weg sahen sie ein paar Menschen, die ebenfalls Richtung Rathaus gingen – freundlich, ruhig, mit Jacken und Ernst im Blick.
Das Känguru sah sich um und sagte leise: „Komisch. Es ist so… normal.“
Odin nickte. „Das ist das Schöne.“
Im Rathaus war es stiller, als man es von großen Wahlen erwartet. Ein paar Wählerinnen standen an, keine Hektik. Der Raum roch nach Papier, Holz und diesem besonderen Duft von Verwaltung, der irgendwie nach „Gemeinde“ riecht.
An der Wahlurne saß der Dachs – genau der Dachs, den Odin vom Waldrand kannte, der mit den Tannenbäumen. Heute trug er eine Wahlhelfer-Weste und sah aus, als hätte er sich für die Welt ein bisschen offizieller gekämmt.
„Ah“, sagte der Dachs und lächelte. „Ihr seid also auch dran.“
„Wir geben Briefwahl ab“, sagte der Hai sehr korrekt.
„Sehr gut“, sagte der Dachs. „Hier bitte.“
Sie warfen ihre Umschläge ein – nacheinander, ruhig, wie ein kleines Ritual. Der Hai sah dabei so ernst aus, als würde er einen Grundstein legen.
Uschi atmete leise aus, als hätte sie etwas abgegeben, das schwer war, ohne dass es wehtat. Lara lächelte dem Dachs zu. Der weiße Tiger nickte nur kurz – aber dieses kurze Nicken hatte Gewicht.
Dann gingen sie wieder hinaus ins Licht.
5) Zuhause: Dusche, Ruhe, Kaminrest
Zurück im Flanellweg wurde es wieder weicher. Der Kamin glomm nur noch, denn draußen war es mild genug, dass das Haus nicht mehr „kämpfen“ musste.
Uschi verschwand am späten Nachmittag ins Bad. Die neue Regendusche lief, das „Frühlingslicht“ an der Wand stellte sich per Preset ein, und Uschi ließ den Tag von sich abfallen, wie man einen Mantel auszieht.
„Endlich“, murmelte sie zufrieden, während das Wasser wie warmer Regen fiel.
Die Küchenkatzen lagen vor dem Kamin, minimal weiter weg als im tiefen Winter. Elise summte zufrieden. Kroko machte Kaffee. Lara spielte leise Musik. Odin saß am Tisch und wirkte still zufrieden.
Doch zwei fehlten: der Hai und der Waschbär.
6) Öffentliche Auszählung: Hai und Waschbär bleiben
Der Hai hatte gesagt: „Es gibt öffentliche Auszählung. Transparenz ist wichtig.“
Und Waschbär – überraschend – hatte genickt. „Ich will sehen, wie das wirklich passiert.“
Also blieben sie im Rathaus. Nicht als Kontrolleure, eher als Zeugen. Der Hai, weil er Systeme liebt. Der Waschbär, weil er inzwischen begriffen hatte, dass Demokratie auch eine Art Geschichte ist.
Sie sahen, wie Umschläge geöffnet wurden, wie Zettel sortiert wurden, wie Stimmen gezählt und notiert wurden. Langsam, konzentriert, ohne Drama. Der Dachs war freundlich, korrekt, und ab und zu sagte jemand „Moment, nochmal prüfen“, und dann wurde geprüft. Genau so.
Waschbär flüsterte einmal: „Das ist… erstaunlich menschlich.“
Der Hai flüsterte zurück: „Das ist erstaunlich ordentlich.“
Als es dunkel wurde, gingen sie wieder heim. Müde Augen, aber ein stilles Leuchten. Nicht vom Bildschirm, nicht von LEDs – von etwas, das man selten so direkt sieht.
7) Abend: wieder alle da, ein stilles Einverständnis
Am Abend saßen sie wieder zusammen im Wohnzimmer. Uschi im Bademantel, frisch geduscht, weich. Der Hai trank Tee und sah aus, als hätte er etwas Wichtiges getan, ohne groß darüber reden zu müssen. Waschbär war ungewöhnlich ruhig und sagte irgendwann nur: „Ich finde es gut, dass das öffentlich ist.“
Odin nickte. Mozart lächelte. Der weiße Tiger saß kurz dabei, still wie immer, aber nicht abwesend. Das Känguru wollte etwas Politisches sagen, ließ es dann aber – und aß stattdessen einen Keks.
Die Wetterstation zeigte weiterhin: mild, kein Regen. Draußen war März. Drinnen war das Gefühl, dass man Teil von etwas Größerem ist, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
8) Mozarts Satz des Tages
Mozart sah in die Glutreste und sagte:
„Demokratie ist kein großes Feuer,
das immer lodert.
Oft ist sie nur Glut:
Kreuze in Kästchen,
ein Gang zum Rathaus,
Hände, die zählen.
Und wenn man einmal dabei war,
versteht man:
Auch leise Rituale
halten eine Welt zusammen.“