06. Januar 2026 Schnee Winter 6 min

Das Känguru und die drei Könige aus dem Flanellweg

Das Känguru und die drei Könige aus dem Flanellweg

1) Datumserkenntnis: Ein Feiertag fällt aus dem Tablet

Der Dienstag begann unschuldig: Tee, Kamin, draußen Schnee, drinnen das beruhigende Gefühl, dass Januar zwar kalt ist, aber wenigstens ehrlich. Der Hai saß am Tisch und scrollte auf seinem Tablet durch „aktuelle Hinweise“, wie er es nannte. Man wusste nie genau, ob das Nachrichten, Gesetzesänderungen oder Wetterwarnungen waren – meistens alles gleichzeitig.

„Hinweis“, sagte der Hai. „Heute: Heilige Drei Könige.“
Das Känguru schoss aus seiner Winterhängematte hoch, als hätte jemand „Debatte“ gerufen.
„Aha!“, rief es. „Religiöser Feiertag! Königtum! Symbolpolitik! Und selbstverständlich… Bibel!“

Es klopfte auf seinen Beutel, aus dem irgendwo zwischen Mao-Bibel, Schnapspralinen und einem Schraubendreher auch noch eine kleine, abgegriffene Bibelkarte herauslugte, die niemand je zuvor gesehen hatte.

Waschbär blinzelte. „Seit wann hast du denn Bibel?“
„Seit immer“, sagte das Känguru groß. „Ich bin ein Belesener. Ich kenne mich aus.“
Mozart hob den Blick vom Kamin her. „Das werden wir gleich sehen“, sagte er freundlich.


2) Das Känguru predigt – und Mozart predigt zurück

Das Känguru stellte sich mitten ins Wohnzimmer, als wäre der Teppich eine Kanzel.
„Also“, begann es, „die drei Könige… also eigentlich die drei Könige… also DIE DREI KÖNIGE…“
„Man weiß nicht, ob es drei waren“, sagte Mozart leise.
„Doch!“, rief das Känguru. „Drei! Steht doch da!“
Mozart faltete die Pfoten. „Es steht: Weise aus dem Osten. Und es stehen drei Gaben. Gold, Weihrauch, Myrrhe. Daraus wurde später die Zahl.“

Der Hai hob sofort den Stift. „Also: Anzahl der Personen unbestimmt, Anzahl der Geschenke: drei.“
„Exakt“, sagte Mozart.
Das Känguru schaute kurz beleidigt, dann rettete es sich in eine neue Pose. „Aber sie waren Könige!“
Mozart lächelte. „Auch das steht nicht so da. Das ist Tradition, nicht Text.“
„Tradition ist auch Wahrheit“, protestierte das Känguru.
„Tradition ist Wärme“, sagte Uschi versöhnlich. „Aber Mozart hat recht mit den Details.“

Das Känguru holte tief Luft – man spürte, es suchte nach einer Stelle, wo es trotzdem glänzen kann.
„Und der Stern!“, rief es triumphierend. „Der Stern war eindeutig ein kosmisches Zeichen, wie eine… revolutionäre Himmelspropaganda!“
„Ein Leitstern“, sagte Odin ruhig aus dem Sessel. „Und Propaganda ist ein anderes Wort.“
„Aber hübsches“, murmelte Waschbär.

Tigerlein hielt sein Mikrofon bereit, weil er instinktiv fühlte: Das wird wieder ein Podcast-Moment.


3) Hausordnung trifft Offenbarung: Der Hai fragt nach Vorschriften

„Ist das ein Feiertag mit Regeln?“, fragte der Hai plötzlich. „Gibt es… Pflichten?“
Uschi lachte. „Keine Pflichten, nur Bräuche.“
„Bräuche sind Regeln, die freiwillig sind“, sagte der Hai. „Das ist gefährlich unpräzise.“

Das Känguru hob die Pfote. „Ich fordere eine Prozession!“
„Eine was?“ fragte Waschbär sofort begeistert.
„Eine Prozession!“, sagte das Känguru. „Wir gehen durchs Haus. Dramatisch. Mit Geschenken. Mit Symbolen. Und dann schreiben wir C+M+B an die Tür!“
Der Hai blinzelte. „CMB? Kennzeichen?“
Mozart sagte sanft: „Christus mansionem benedicat. Christus segne dieses Haus.“
Der Hai nickte. „Ah. Segnung als Schutzmaßnahme.“
„Als Wärme“, korrigierte Uschi.

Stinkerle war bereits halb im Keller. „Wenn wir Weihrauch brauchen, könnte ich—“
„Nein“, riefen Uschi, Hai und Kroko gleichzeitig.
Stinkerle kam wieder hoch, leicht enttäuscht. „Okay. Kein Rauch. Wir hatten ja erst Silvester.“


4) Die Flanellweg-Weisen: Drei Könige, aber anders

Am Ende einigten sie sich auf einen Kompromiss, wie es in guten Haushalten üblich ist: eine Prozession, ja – aber kurz, warm, ohne Rauch und ohne Theologie-Schlachten.

„Wir brauchen drei Weise“, erklärte das Känguru. „Also drei… weise… Personen.“
Alle schauten automatisch zu Mozart.
Mozart hob eine Augenbraue. „Ich bin nur einer.“
„Dann brauchen wir zwei zusätzliche Weisheiten“, sagte Odin trocken.

So wurden die Rollen verteilt – nicht nach Rang, sondern nach Charakter:

  • Mozart als „Weiser der Worte“ (natürlich)
  • Odin als „Weiser der Wege“ (weil er immer wusste, wohin man gehen sollte)
  • Der Hai als „Weiser der Ordnung“ (weil er selbst eine Art wanderndes Regelwerk war)

Das Känguru war beleidigt, nicht dabei zu sein, bis Uschi ihm eine wichtige Aufgabe gab:
„Du darfst der Stern sein.“
„Der Stern?!“, rief das Känguru.
„Ja“, sagte Uschi. „Du darfst vorneweg gehen und leuchten.“

Waschbär malte ihm schnell einen Stern auf ein Stück Karton und band es ihm um, wie eine sehr improvisierte Astronomie-Medaille. Lara spielte dazu im Radio eine leise Melodie, die irgendwo zwischen „Kirchenlied“ und „Kindheitserinnerung“ pendelte.

„Ich bin der Stern“, sagte das Känguru feierlich. „Ich führe euch.“
Der Hai murmelte: „Bitte nicht stolpern.“

Die Küchenkatzen beobachteten das alles vom Kamin aus, schnurrten synchron und rückten eine Decke zurecht, als würde ihnen das Spektakel zwar fremd, aber irgendwie akzeptabel erscheinen.


5) Gold, Weihrauch und Myrrhe – in sehr moderner Hausausführung

„Und die Geschenke?“, fragte Tigerlein, der die Szene bereits mental schnitt.

Uschi dachte kurz nach und zauberte aus der Küche Dinge herbei, die biblisch genug wirkten, aber Flanellweg-tauglich waren:

  • Gold: ein kleines Glas Honig, das in der Sonne schimmerte
  • Weihrauch: kein echter Rauch – sondern ein Säckchen mit Gewürzen (Zimt, Nelke, Sternanis), das duftete wie Winter
  • Myrrhe: ein Tropfen Badeöl, den Uschi aus ihrem Schrank holte und dabei sehr bedeutungsvoll schaute

„Das ist die modernste Myrrhe, die ich je gesehen habe“, sagte Kroko.
„Myrrhe ist Harz“, sagte Mozart mild. „Aber symbolisch…“
„Symbolisch reicht“, sagte der Hai. „Hauptsache, es ist nachvollziehbar.“

Sie zogen durchs Haus: vom Wohnzimmer in die Küche, durch den Flur, kurz zur Lounge-Tür (die jetzt nicht mehr versteckt war), und sogar ein paar Schritte Richtung Büro – wo der weiße Tiger aus dem Büro in seinem Sessel saß und so tat, als sei er nicht beeindruckt, während er eindeutig beeindruckt war.

„Segnung auch fürs Büro?“, fragte der Hai.
Der weiße Tiger nickte minimal.
„Dann segnen wir das Büro“, sagte der Hai, als wäre das ein Verwaltungsakt mit Herz.

Odin nahm Kreide und schrieb an die Innenseite der Haustür – ordentlich, nicht zu groß:
*20C+M+B+26**
Das Känguru schnaufte. „Das sieht… erstaunlich schön aus.“
„Ordnung kann auch schön“, sagte der Hai stolz.


6) Mozarts Satz des Tages

Am Ende saßen sie wieder am Kamin, der Tee dampfte, der Honig stand auf dem Tisch, und das Känguru trug den Kartonstern noch immer um den Hals, als wäre es jetzt offiziell ein Himmelskörper.

Mozart lächelte in die Flammen und sagte:

„Nicht alles, was glänzt, ist Gold –

doch manches Gold ist einfach Honig.

Nicht alles, was man erzählt, steht im Text –

Doch manches Erzählen hält ein Haus warm.

Und wenn ein Stern durch den Flur läuft,

dann ist das vielleicht absurd –

aber sehr, sehr richtig.“