1) Der Hof wird zum kleinen Markt
Schon am frühen Morgen wurden Tische aufgestellt.
Stinkerle hatte darauf geachtet, dass nichts wackelte.
Der Hai ordnete die Waren nach Kategorien.
Küche.
Deko.
Lampen.
Haushalt.
Kleine Möbel.
Verschiedenes.
Waschbär hatte zusätzlich kleine handgeschriebene Schilder angebracht.
NOCH GUT!
ZU SCHADE ZUM WEGWERFEN!
FUNKTIONIERT WAHRSCHEINLICH BESSER ALS ES AUSSIEHT!
Der Hai entfernte das letzte Schild.
„Das wirkt nicht verkaufsfördernd.“
„Aber ehrlich.“
„Trotzdem.“
Auf einem Tisch stand der alte Crêpes-Maker.
Kroko sah ihn an.
„Kann weg.“
Lara lachte.
„Seit Mittwoch wissen wir ja endgültig, dass du ihn nicht brauchst.“
„Pfanne besser.“
Daneben lagen alte Küchenhelfer, zwei Lampen, ein kleiner Beistelltisch, Bilderrahmen, Deko, einige Vasen, ein kaum benutztes Regal und allerlei Dinge, die zu gut zum Entsorgen waren.
2) Die ersten Besucher
Kurz nach Beginn kamen tatsächlich schon die ersten Leute.
Zwei Nachbarn blieben bei den Lampen stehen.
Eine ältere Katze interessierte sich für Bilderrahmen.
Ein junger Fuchs nahm eine kleine Werkzeugkiste in die Hand.
„Was kostet die?“
Der Hai war sofort da.
„Sieben Euro.“
Der Fuchs sah auf das Schild.
„Da steht acht.“
Der Hai nickte.
„Verhandlungsspielraum.“
Waschbär grinste.
„Das hat er extra geplant.“
„Natürlich.“
Der Fuchs zahlte sieben.
Der Hai notierte den Verkauf sofort.
„Kasse stimmt.“
Stinkerle sah zu ihm.
„Es ist seit zehn Minuten offen.“
„Gerade deshalb.“
3) Odin redet sich fest
Odin hatte eigentlich nur helfen wollen.
Doch schon beim zweiten Besucher blieb er hängen.
„Ach, Odin!“
„Hallo.“
„Wie geht’s?“
„Gut.“
Dann wurde über das Wetter gesprochen.
Dann über Björn.
Dann über den Bauern aus dem Nachbarort.
Dann über Metzger Wolf im Schwarzwald.
Dann über den Zustand der Straße zwei Ecken weiter.
Nach zwanzig Minuten stand Odin immer noch dort.
Der Hai kam vorbei.
„Odin, jemand möchte den Beistelltisch bezahlen.“
„Komme.“
Fünf Minuten später war er noch immer im Gespräch.
Waschbär flüsterte:
„Der verkauft gar nichts. Der macht soziale Infrastruktur.“
Das Känguru, das unter einem Sonnenschirm saß, nickte bedeutungsvoll.
„Informelle Dorfdiplomatie.“
„Kann man so sagen“, meinte Mozart.
4) Der Dachs taucht auf
Gegen Mittag kam der Dachs vorbei.
Er blieb zunächst am Gartentor stehen und betrachtete alles.
„Ihr meint das ernst.“
Stinkerle nickte.
„Sehr.“
Der Dachs ging langsam von Tisch zu Tisch.
Er nahm eine alte Lampe in die Pfote.
„Funktioniert die?“
„Getestet“, sagte Stinkerle.
„Kabel okay?“
„Auch.“
Der Dachs nickte anerkennend.
„Dann nehme ich sie.“
Der Hai nannte den Preis.
Der Dachs zahlte ohne zu handeln.
Das machte ihn beim Hai sofort beliebt.
Dann blieb er noch bei Odin stehen.
Natürlich.
Weitere zwanzig Minuten.
5) Alfonso und das Regal
Am frühen Nachmittag erschien Alfonso.
Der große, pummelige weiße Hase kam gemütlich durch das Tor.
„Ich wollte eigentlich nur schauen.“
Waschbär sagte:
„Das sagen heute viele.“
Alfonso ging direkt zu dem kleinen Regal.
Er betrachtete es von allen Seiten.
„Das könnte ich auf dem Waldgrundstück brauchen.“
Stinkerle nickte.
„Ist stabil.“
„Feuchtigkeit?“
„Nur für drinnen oder überdacht.“
Alfonso dachte nach.
Dann nahm er es.
„Gut.“
Dazu noch eine kleine Kiste.
Und zwei alte Tassen.
„Nur schauen“, sagte Waschbär.
Alfonso grinste.
„Hat nicht funktioniert.“
6) Frau Nüsslein und der große Nussknacker
Dann kam Frau Nüsslein von nebenan.
Eigentlich hätte sie den Flohmarkt kaum verpassen können.
Sie ging gemütlich über den Hof und sah sich alles an.
Bei einem ungewöhnlich großen hölzernen Nussknacker blieb sie stehen.
„Oh.“
Uschi kam dazu.
„Der ist schon ewig bei uns.“
Frau Nüsslein nahm ihn in die Hand.
„So einen hatte meine Schwester früher.“
Der Nussknacker war schwer, etwas altmodisch und erstaunlich massiv.
„Was soll er kosten?“
Der Hai sah auf sein Etikett.
„Fünf Euro.“
Frau Nüsslein nickte sofort.
„Den nehme ich.“
Waschbär sah ihr nach.
„Der passt zu ihr.“
„Warum?“, fragte Lara.
„Weiß nicht. Tut er einfach.“
7) Das Tauschgeschäft
Nicht alles wurde mit Geld bezahlt.
Eine Besucherin interessierte sich für eine alte Küchenreibe.
„Die ist noch gut?“
Kroko prüfte sie.
„Ja.“
Die Besucherin hielt ein kleines Geschenkset hoch.
„Ich hab das hier noch im Auto. Unbenutzt. Badewannenset mit ätherischen Ölen. Wäre ein Tausch okay?“
Uschi hörte das.
„Was ist drin?“
Mehrere kleine Fläschchen.
Lavendel.
Zitrus.
Eukalyptus.
Dazu Badesalz und ein kleines Holzschälchen.
Uschi betrachtete die alte Reibe.
Dann das Set.
„Sehr okay.“
Der Hai sah skeptisch aus.
„Das ist kein monetärer Verkauf.“
Das Känguru hob die Pfote.
„Endlich echte Tauschwirtschaft!“
Der Hai seufzte.
„Ich notiere es separat.“
8) Fast alles weg
Gegen Abend wurden die Tische immer leerer.
Der Crêpes-Maker war verkauft.
Die Lampen weg.
Der Beistelltisch ebenfalls.
Mehrere Küchenutensilien hatten neue Besitzer gefunden.
Dekoration, Vasen und Rahmen waren stark reduziert.
Nur ein paar Dinge blieben übrig.
Eine kleine Kiste.
Zwei ältere Dekoobjekte.
Ein paar Bücher.
Und ein etwas merkwürdiger Kerzenhalter, für den sich niemand erwärmen konnte.
Waschbär hielt ihn hoch.
„Vielleicht nächstes Mal.“
Der Hai sah ihn an.
„Es gibt nicht automatisch ein nächstes Mal.“
„Jetzt schon fast.“
Die übrigen Sachen wurden ordentlich verteilt.
Ein Teil in den Keller.
Ein Teil auf den Dachboden.
Diesmal beschriftet.
Natürlich.
9) Der große Kassensturz
Am Abend saß der Hai am Terrassentisch.
Vor ihm lagen Geld, Notizen und seine Verkaufsliste.
„Jetzt bitte nicht stören.“
Waschbär setzte sich gegenüber.
„Ich störe leise.“
Der Hai zählte.
Noch einmal.
Dann verglich er die Summe mit den einzelnen Verkäufen.
„Stimmt.“
Er wirkte zufrieden.
Sehr zufrieden.
„Fast alles verkauft. Keine ungeklärten Differenzen. Zwei Preisnachlässe, ein Tauschgeschäft, mehrere Verkäufe zum ausgezeichneten Preis.“
Der weiße Tiger sah auf die Summe.
„Für Sachen, die vorher nur herumstanden, ziemlich gut.“
Der Hai nickte.
„Sehr effizient.“
Känguru sagte:
„Besitz wurde in Liquidität transformiert.“
Der Hai sah es an.
„Ausnahmsweise korrekt.“
Das Känguru war tief erfreut.
10) Lavendel im warmen Wasser
Während draußen die letzten Tische zusammengeklappt wurden, ging Uschi nach innen.
Sie nahm das getauschte Badewannenset mit.
Im Bad stellte sie die kleinen Fläschchen nebeneinander.
Lavendel gefiel ihr sofort.
„Natürlich“, sagte Lara, die kurz in der Tür stand.
Uschi ließ warmes Wasser einlaufen und gab etwas von dem Badesalz dazu.
Dann wenige Tropfen des Lavendelöls.
Der Duft breitete sich langsam im Raum aus.
Nicht stark.
Nur weich und ruhig.
Uschi stieg in die Wanne.
Draußen ging gerade die Sonne unter.
Durch das Fenster fiel warmes Licht auf die Fliesen.
Sie lehnte sich zurück.
„Das war ein guter Tausch.“
Draußen räumte Stinkerle die letzten Sachen weg.
Der Hai schloss seine Kassenliste.
Odin beantwortete noch Nachrichten von Leuten, mit denen er sich am Vormittag verquatscht hatte.
Und Waschbär suchte bereits nach Dingen, die man bei einem theoretischen zweiten Flohmarkt verkaufen könnte.
Mozart setzte sich mit seinem Notizbuch ans Fenster und schrieb:
„Manchmal räumt man alte Räume aus
und merkt erst später,
dass die Dinge dort noch Wege vor sich haben.Eine Lampe geht zum Dachs,
ein Regal mit Alfonso,
ein großer Nussknacker zu Frau Nüsslein
und eine Küchenreibe verwandelt sich
auf unerklärliche Weise
in Lavendelduft und warmes Badewasser.Am Ende sind die Tische leer,
der Keller ordentlicher
und der Hai glücklich über eine Kasse,
die bis auf den letzten Euro stimmt.Vielleicht ist ein Flohmarkt deshalb so schön:
Weil Dinge nicht einfach verschwinden.
Sie wechseln nur die Geschichte,
in der sie als Nächstes vorkommen.“