1) Kühl drinnen, schwer draußen
Am Mittwochmorgen war das Wohnzimmer der angenehmste Ort im ganzen Flanellweg.
Die Klimaanlage summte leise, die Vorhänge waren geschlossen, und die Tiere hatten sich inzwischen daran gewöhnt, dass man mitten im Hochsommer wieder klar denken konnte.
Der Hai stand zufrieden vor der Inneneinheit. „Temperatur stabil. Luftfeuchtigkeit im Raum akzeptabel.“
Kroko saß mit Kaffee am Tisch. „Heißt: funktioniert.“
„Ja.“
„Dann sag das.“
„Sie funktioniert.“
Draußen war es allerdings anders. Schon am Vormittag hing die Luft schwer über dem Garten. Die Blätter bewegten sich kaum, der Himmel wirkte milchig, und selbst das Zitronenbäumchen im Terrakottatopf schien stillzuhalten.
Uschi öffnete kurz die Terrassentür.
Sofort drang warme, feuchte Luft herein.
„Oh“, sagte sie und schloss wieder.
Der Hai sah auf die Wetterstation. „Taupunkt sehr hoch. Luftdruck fällt.“
Das Känguru hob den Kopf. „Die Atmosphäre baut Spannung auf.“
„Diesmal stimmt das sogar“, sagte der Hai.
2) Die Gewitterlinie kommt näher
Am frühen Nachmittag wurden die Werte deutlicher.
Die Temperatur lag noch immer hoch, doch das Entscheidende war die Feuchtigkeit. Die Luft fühlte sich dichter an, fast greifbar. Über dem Horizont standen dunkle Wolken, die langsam größer wurden.
Tigerlein hielt die Kamera ans Fenster. „Das sieht ernst aus.“
„Ist es auch“, sagte der Hai. „Kräftige Gewitterzellen. Möglicherweise Sturmböen, Starkregen und Hagel.“
Kroko kam dazu und sah hinaus.
„Gut.“
Alle drehten sich zu ihm um.
„Gut?“, fragte Lara.
Kroko brummte. „Endlich Gewitter.“
„Unwetter ist nicht gut“, sagte der Hai.
„Danach kühler.“
„Währenddessen gefährlich.“
„Trotzdem Gewitter.“
Krokodile mögen Gewitter. Das war inzwischen bekannt. Kroko wurde bei Donner nicht unruhig, sondern eher aufmerksam zufrieden, als würde die Natur endlich kräftig genug sprechen.
Der Hai dagegen öffnete bereits seine Unwetterliste.
„Wir sichern den Garten. Sofort.“
3) Alles wird festgemacht
Innerhalb weniger Minuten waren alle beschäftigt.
Stinkerle prüfte Odins Sonnensegel und zog die Befestigungen nach. Waschbär sammelte die letzten aufblasbaren Poolfiguren ein, darunter den Flamingo, die Wassermelone und das große Einhorn, das sich im Wind bereits verdächtig bewegte.
„Das Einhorn will fliehen“, rief Waschbär.
„Ventil öffnen und Luft raus“, sagte Stinkerle.
„Das ist würdelos.“
„Fliegendes Einhorn im Gewitter ist gefährlicher.“
Der Hai stimmte entschieden zu.
Uschi und Lara stellten empfindliche Kübel näher ans Haus. Das Zitronenbäumchen bekam einen geschützten Platz unter dem Vordach. Die Tomaten wurden zusätzlich angebunden, lose Gartengeräte kamen in den Schuppen, und die Stühle wurden zusammengelegt.
Das Mähschaf fuhr in seinen Terrassenhafen.
Raseline stand auf der Nachbarwiese und sendete ein kurzes Signal.
„Alles gut“, brummte das Mähschaf zurück.
Odin öffnete den kleinen Durchgang. „Wenn es schlimm wird, kann Raseline rüber.“
Der Hai nickte. „Gute Vorsorge.“
Das Känguru trug seine Hängematte ins Haus.
„Freiwillig?“, fragte Kroko.
„Ich habe aus mehreren Sonnen- und Wetterereignissen gelernt.“
„Noch ein vernünftiger Satz“, sagte der Hai.
„Zähl nicht mit.“
4) Dann kommt das Unwetter
Kurz darauf wurde der Himmel dunkel.
Nicht langsam, sondern beinahe plötzlich. Das Licht im Garten kippte ins Graue, der Wind setzte ein, und die ersten großen Tropfen schlugen auf Terrasse und Pool.
Dann kam der Regen.
Kräftig, dicht und laut.
Er trommelte auf das Sonnensegel, prasselte auf die Blätter und verwandelte den Garten innerhalb weniger Minuten in eine glänzende, bewegte Fläche.
Ein Blitz zuckte.
Der Donner folgte fast sofort.
Der Hai stand am Fenster und sah sehr angespannt aus. „Sehr nah.“
Kroko stand daneben und wirkte fast erfreut. „Guter Donner.“
„Es gibt keinen guten Donner.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Uschi zog beide etwas vom Fenster weg. „Ihr könnt auch aus sicherer Entfernung unterschiedlicher Meinung sein.“
Der Wind drückte gegen die Bäume. Für einen Moment prasselte sogar kleiner Hagel auf die Terrasse. Waschbär hielt die Pfoten an die Scheibe.
„Die Blumen!“
„Sie stehen geschützt“, sagte Uschi.
Stinkerle beobachtete die Befestigungen. „Sonnensegel hält.“
Der Hai sah auf die Warnmeldungen, dann nach draußen, dann wieder aufs Tablet.
„Bitte keine stärkeren Böen.“
Kroko hörte dem Donner zu und brummte zufrieden. „Die Hitze geht.“
5) Regen, Ruhe und frische Luft
Nach einer Weile zog die kräftigste Zelle weiter.
Der Regen blieb, wurde aber gleichmäßiger. Kein harter Schlag mehr, sondern ein langer, satter Sommerregen. Die Temperatur fiel spürbar. Erst ein wenig, dann immer weiter.
Der Hai sah auf die Wetterstation.
„Acht Grad weniger.“
Später: „Noch zwei.“
Kroko verschränkte die Arme. „Sag ich doch.“
„Das macht das Unwetter nicht ungefährlich.“
„Aber kühler.“
„Beides kann stimmen“, sagte Mozart.
Als der Donner nur noch fern zu hören war und der Regen sanfter wurde, öffnete der Hai vorsichtig ein Fenster auf der geschützten Seite.
Kühle Luft kam herein.
Alle hielten kurz inne.
Nicht Klimaanlagenluft. Nicht Kellerkühle. Richtige Außenluft. Frisch, feucht, sauber und deutlich angenehmer.
Lara atmete tief ein. „Endlich.“
Uschi öffnete ein zweites Fenster.
„Querlüften“, sagte der Hai sofort.
„Ja“, sagte Uschi. „Richtig lüften.“
Zum ersten Mal seit Tagen standen wieder mehrere Fenster offen. Die Klimaanlage wurde ausgeschaltet, und das Haus füllte sich langsam mit dem Duft von Regen, nasser Erde und abgekühltem Garten.
6) Nach dem Wetterwechsel
Am Abend gingen die Tiere vorsichtig hinaus.
Der Garten war nass, aber nicht zerstört. Einige Blätter lagen auf dem Boden, im Pool schwammen kleine Ringe vom Regen, und die Blüten hingen schwer, doch alles wirkte lebendig.
Das Zitronenbäumchen hatte den Wetterwechsel gut überstanden. Die Tomaten standen noch. Das Sonnensegel hielt. Das Mähschaf kam langsam aus dem Terrassenhafen.
„Alles gut“, brummte es.
Raseline antwortete von nebenan.
Waschbär stellte das halb entlüftete Einhorn an die Hauswand. „Es hat überlebt.“
„Es war im Schuppen“, sagte Stinkerle.
„Trotzdem.“
Kroko setzte sich unter das noch tropfende Vordach und sah in den Garten. „Guter Regen.“
Der Hai prüfte noch einmal alle Werte. „Temperatur deutlich gesunken. Luftqualität besser. Keine akute Warnung mehr.“
Dann setzte auch er sich.
Das Känguru hing seine Hängematte noch nicht wieder auf. Es blieb mit einem Glas Wasser auf der Terrasse.
„Heute reicht mir der Stuhl.“
Niemand kommentierte das.
Mozart sah über den nassen Garten und sagte:
„Manchmal wartet ein ganzes Haus
auf einen einzigen Windstoß,
auf Regen,
auf Donner,
auf das Ende einer Hitze,
die sich in Wänden und Gedanken festgesetzt hat.
Ein Wetterwechsel ist nicht sanft,
wenn er kommt –
aber danach stehen die Fenster offen,
die Erde atmet,
und selbst der Hai merkt,
dass Sorge manchmal in Erleichterung münden darf.“