1) Der Höhepunkt der Hitzewelle
Schon früh am Morgen lag eine ungewöhnliche Schwere über dem Garten.
Die Sonne stand grell über dem Flanellweg, die Terrassenplatten wurden schnell warm, und selbst im Schatten fühlte sich die Luft dicht und unbeweglich an.
Der Hai stand vor der Wetterstation.
„Fünfunddreißig Komma sieben Grad. Weiter steigend.“
Kroko öffnete die Terrassentür nur kurz.
Die Hitze drückte sofort ins Haus.
Er schloss sie wieder.
„Zu heiß.“
„Deutlich zu heiß“, bestätigte der Hai.
Der Pool glitzerte draußen verlockend, aber kaum jemand wollte den Weg durch die Sonne zurücklegen. Waschbär hatte kurz darüber nachgedacht, sich im Wasser treiben zu lassen, war dann jedoch auf halber Strecke umgekehrt.
„Die Luft draußen ist wie ein sehr warmer Vorhang.“
Stinkerle nickte. „Und der Boden ist heiß.“
Also verteilten sich die Tiere im Wohnzimmer, im Flur und in den angrenzenden Räumen, möglichst nah an der Klimaanlage.
Odin saß im Sessel. Der weiße Tiger arbeitete nur langsam am Tisch. Mozart hatte sein Notizbuch auf den Knien. Das Känguru lag ausgestreckt auf dem Teppich.
„Heute erkläre ich die horizontale Körperhaltung zum Hitzeschutzkonzept.“
„Du liegst einfach herum“, sagte Kroko.
„Mit klarem Zweck.“
2) Erst wird es nur ein wenig seltsam
Zunächst bemerkte niemand etwas.
Die Klimaanlage lief. Man hörte das bekannte leise Summen, und die Lamellen bewegten sich.
Doch nach einer Weile hob der Hai den Kopf.
„Die Raumtemperatur sinkt nicht.“
Der weiße Tiger sah auf das Thermometer.
„Sie steigt.“
„Das ist nicht möglich“, sagte der Hai.
Das Känguru hob eine Pfote.
„Offenbar schon.“
Kroko trat näher an das Gerät.
„Die Luft ist warm.“
Der Hai stellte sich darunter und hielt eine Flosse in den Luftstrom.
Dann wich er sofort zurück.
„Das Gerät heizt.“
Alle sahen zur Inneneinheit.
Aus ihr kam tatsächlich warme Luft.
Nicht ein bisschen lauwarm.
Richtig warme Luft.
Waschbär setzte sich auf.
„Wir haben draußen fünfunddreißig Grad und drinnen eine Heizung.“
„Das ist thermisch vollständig falsch“, sagte der Hai.
Odin sah zum Gerät.
„Fernbedienung.“
Der Hai drehte sich zum Tisch.
Dort lag sie nicht.
3) Die Suche beginnt
Normalerweise lag die Fernbedienung in einer kleinen Halterung an der Wand.
Heute war die Halterung leer.
„Wer hatte sie zuletzt?“, fragte der Hai.
Niemand antwortete.
Der weiße Tiger prüfte den Tisch. Lara sah zwischen den Sofakissen nach. Uschi öffnete die Schublade, in der manchmal Dinge landeten, die eigentlich nirgendwohin gehörten.
Waschbär kroch unter das Sofa.
„Hier ist ein Stift.“
„Nicht die Fernbedienung“, sagte Stinkerle.
„Und eine alte Wäscheklammer.“
„Auch nicht.“
Das Känguru sah unter die Hängedecke im Sessel.
„Vielleicht wurde sie durch die Hitze gesellschaftlich unsichtbar.“
„Sie ist ein Gegenstand“, sagte der Hai. „Sie muss irgendwo sein.“
Kroko öffnete sogar den Kühlschrank.
Alle sahen ihn an.
„Was?“, fragte er.
„Warum sollte sie dort sein?“, fragte Lara.
„Bei uns landet manchmal vieles im Kühlschrank.“
Das war schwer zu bestreiten.
Doch auch dort war sie nicht.
Währenddessen lief die Klimaanlage weiter.
Und heizte.
4) Das Wohnzimmer wird immer wärmer
Der Hai wurde zunehmend unruhig.
„Wir müssen das Gerät manuell ausschalten.“
Stinkerle stellte sich auf einen kleinen Hocker und öffnete vorsichtig die Abdeckung.
„Da ist ein Notknopf.“
„Dann aus“, sagte Kroko.
Stinkerle drückte ihn.
Das Summen verstummte.
Für einen Moment war es still.
Dann merkten alle, wie warm das Wohnzimmer inzwischen geworden war.
„Siebenundzwanzig Komma neun Grad“, sagte der Hai.
Das Känguru lag reglos auf dem Teppich.
„Die Zivilisation ist binnen zwanzig Minuten zurückgefallen.“
„Wir haben Fenster, Pool und Schatten“, sagte Uschi.
„Aber kein kaltes Wohnzimmer.“
Mozart fächelte sich mit einem Blatt Papier Luft zu.
„Die Hitze ist schneller, wenn man sie nicht erwartet.“
Odin ging in seine Einliegerwohnung, wo das zweite Klimagerät noch funktionierte, und kam wenig später zurück.
„Dort kühl.“
Der Hai nickte. „Aber hier brauchen wir die Fernbedienung, um den Modus wieder korrekt einzustellen.“
Also suchten sie weiter.
In Taschen.
Unter Kissen.
Hinter Büchern.
Auf Fensterbänken.
Neben der Wetterstation.
Sogar im Korb mit den Poolhandtüchern.
Nichts.
5) Die Küchenkatzen schlafen weiter
Die beiden Küchenkatzen hatten sich von der ganzen Aufregung kaum stören lassen.
Die getigerte Katze lag auf einem Sessel nahe der Wand. Die Leopardenkatze hatte sich auf einem großen Kissen zusammengerollt.
Beide schliefen.
„Vielleicht haben die Katzen sie gesehen“, sagte Waschbär.
„Sie werden nicht antworten“, sagte Stinkerle.
Tigerlein ging trotzdem mit dem Mikrofon näher.
„Habt ihr Hinweise zum Verbleib der Fernbedienung?“
Die getigerte Katze bewegte ein Ohr.
Minimaler Positionswechsel: eine Pfote etwas weiter unter den Bauch.
Dabei hörte man ein leises Geräusch.
Klick.
Alle blieben stehen.
Der Hai drehte sich langsam um.
„Noch einmal.“
Natürlich konnte man einer schlafenden Katze nicht sinnvoll befehlen, sich noch einmal zu bewegen.
Also ging Stinkerle vorsichtig näher.
Unter dem Bauch der getigerten Küchenkatze ragte eine kleine graue Ecke hervor.
Waschbär zeigte darauf.
„Da.“
Die Fernbedienung.
6) Der verhängnisvolle Pfotendruck
Stinkerle hob die Katze ganz vorsichtig ein kleines Stück an.
Sie öffnete kurz die Augen, sah ihn missbilligend an und ließ sich dann auf die andere Seite rollen.
Unter ihr lag die Fernbedienung.
Der Hai nahm sie sofort auf.
Auf dem Display war ein kleines Sonnensymbol zu sehen.
„Heizbetrieb.“
Lara sah zur Katze. „Sie hat sich im Schlaf bewegt und dabei den Modus umgestellt.“
„Mehrfacher Tastendruck möglich“, sagte der Hai. „Erst Moduswahl, dann Temperatur.“
Der weiße Tiger sah auf die eingestellten Werte.
„Achtundzwanzig Grad.“
Kroko schüttelte langsam den Kopf.
„Katze wollte warm.“
Die getigerte Küchenkatze legte den Kopf wieder auf die Pfoten.
Sie wirkte vollkommen zufrieden mit ihrer Entscheidung.
Das Känguru setzte sich auf.
„Ein einzelnes schlafendes Tier hat die gesamte Klimapolitik des Wohnzimmers verändert.“
„Sie lag auf der Fernbedienung“, sagte der Hai.
„Genau das sagte ich.“
Der Hai stellte den Modus wieder auf Kühlen, wählte eine vernünftige Temperatur und schaltete das Gerät ein.
Diesmal kam kalte Luft.
Alle atmeten auf.
7) Endlich wieder angenehm
Es dauerte eine Weile, bis das Wohnzimmer wieder abkühlte.
Der Hai beobachtete das Thermometer beinahe ohne zu blinzeln.
„Siebenundzwanzig Komma vier.“
Später:
„Sechsundzwanzig Komma acht.“
Und schließlich:
„Vierundzwanzig Komma neun.“
Kroko saß mit einem kalten Glas Wasser am Tisch.
„Gut.“
Uschi stellte feuchte Tücher bereit. Lara brachte gekühlte Melone. Odin blieb ruhig im Sessel, als sei die ganze Klimakrise nur eine kleine technische Unannehmlichkeit gewesen.
Waschbär befestigte die Fernbedienung wieder in ihrer Wandhalterung.
Dann brachte Stinkerle darunter eine kleine Abdeckung an.
„Damit keine Katze mehr darauf liegen kann.“
Die getigerte Küchenkatze hatte inzwischen einen neuen Platz auf dem Teppich gefunden.
Minimaler Positionswechsel: weiter weg von sämtlichen Bedienelementen.
Der Hai prüfte die Halterung.
„Sehr sinnvoll.“
Das Känguru hob sein Wasserglas.
„Auf die demokratische Kontrolle thermischer Systeme.“
„Auf die Wandhalterung“, sagte Stinkerle.
8) Cocktails mit besonders viel Eis
Am Abend war es draußen noch immer warm, aber nicht mehr unerträglich.
Die Tiere gingen auf die Terrasse, blieben jedoch unter dem Sonnensegel und nahe der offenen Tür zum kühlen Wohnzimmer.
Kroko stellte mehrere Flaschen, Früchte, Kräuter und einen großen Behälter Eis auf den Tisch.
„Cocktails.“
Waschbär sah auf den Eisbehälter.
„Sehr viel Eis.“
„Heute extra.“
Uschi schnitt Zitrone, Limette und Pfirsich. Lara zerdrückte Minze und Beeren. Stinkerle stellte Gläser bereit. Der Hai achtete darauf, dass auch alkoholfreie Varianten und genug Wasser vorhanden waren.
Kroko mischte fruchtige Cocktails, leichte Sommerdrinks und mehrere alkoholfreie Gläser mit Zitrusfrüchten, Kräutern und viel Eis.
Das Känguru bekam nur eine kleine Menge Alkohol, aber besonders viele Eiswürfel.
„Eine gekühlte Antwort auf den thermischen Kontrollverlust des Nachmittags.“
„Trink“, sagte Kroko.
Die Gläser klirrten leise.
Im Haus summte die Klimaanlage nun wieder korrekt. Die Fernbedienung hing sicher an der Wand. Die Küchenkatzen lagen weit davon entfernt und schliefen, als hätten sie mit allem nichts zu tun.
Mozart sah in sein Glas, in dem Eiswürfel, Minze und Pfirsichstücke langsam kreisten.
„An heißen Tagen
verlassen wir uns gern auf kleine Geräte,
leise Luftströme
und einen Knopf an der richtigen Stelle.
Doch manchmal genügt eine schlafende Katze,
um aus Kühlung Wärme zu machen.
Dann wird gesucht, geschwitzt,
geschraubt und schließlich gelacht.
Und wenn am Abend wieder kalte Luft durchs Haus zieht,
schmeckt ein Cocktail mit viel Eis
nicht nur nach Sommer,
sondern auch ein wenig
nach geretteter Ordnung.“