1) Erst zu Wolf
Odin begann seinen Mittwoch nicht mit dem Spaziergang.
Zuerst nahm er Wolfs Schlüssel.
„Bin bei Wolf und dann unterwegs“, sagte er.
Der Hai sah auf.
„Kontrollierst du die reparierte Verbindung?“
„Ja.“
Stinkerle rief aus dem Schuppen:
„Einmal trocken fühlen, auch hinten am Anschluss.“
Odin nickte.
„Mach ich.“
Wolfs Haus lag still da.
Odin schloss auf, öffnete für einige Minuten die Fenster und ging als Erstes in die Küche.
Der Unterschrank stand wieder ganz normal eingeräumt da.
Odin öffnete ihn.
Er fühlte unter dem Rohr entlang.
Trocken.
Unter der Dichtung.
Trocken.
Auf dem Schrankboden.
Trocken.
„Gut.“
Er ließ kurz Wasser laufen.
Auch danach kein Tropfen.
Stinkerles Reparatur hielt.
2) Blumen, Zeitung und ein ordentliches Haus
Danach ging Odin seine übliche Runde.
Die Zimmerpflanzen bekamen Wasser.
Nicht zu viel.
Die eine am Fenster etwas mehr.
Die kleine Pflanze im Flur nur wenig.
„Du siehst gut aus“, sagte Odin zu einer davon.
Das war für ihn bereits eine ausführliche Unterhaltung mit Zimmergrün.
Dann holte er die Zeitung aus dem Rohr und die Briefe aus dem Briefkasten.
Werbung kam auf einen eigenen Stapel.
Briefe daneben.
Zeitung obenauf.
Odin prüfte noch kurz den Kühlschrank, räumte eine Tasse gerade und schloss die Fenster wieder.
Bevor er ging, sah er noch einmal unter die Spüle.
Trocken.
„Passt.“
Dann schloss er ab und machte sich auf den eigentlichen Weg.
3) Durch die spätsommerlichen Felder
Der Tag war mild.
Die große Hitze der vergangenen Wochen war verschwunden, aber die Sonne hatte noch genug Kraft, um die Wege warm zu machen.
Odin ging langsam aus dem Ort hinaus.
Vor ihm lagen die Felder.
Einige waren längst abgeerntet. Auf anderen standen noch Kulturen, und an den Rändern wuchsen Gräser, Disteln und letzte Sommerblumen.
Der Wind roch trocken, aber nicht mehr verbrannt.
An manchen Stellen war das Gras wieder grüner geworden.
Odin blieb kurz stehen.
Ein paar Schwalben zogen über den Himmel.
Weiter hinten arbeitete ein Traktor.
Sonst war es still.
Er mochte solche Wege.
Niemand wollte etwas von ihm.
Keine Formulare.
Keine Passfotos.
Keine Fragen über Bildbände.
Nur Feldweg.
Wind.
Und Zeit.
4) Alfonso am Waldrand
Am Waldrand stand eine Bank.
Darauf saß Alfonso.
Der große weiße Hase hatte eine Flasche Wasser neben sich stehen und sah hinaus über die Felder.
„Odin!“
Odin blieb stehen.
„Hallo.“
„Setz dich.“
Odin setzte sich.
Eine Weile schwiegen beide.
Das störte keinen.
Dann sagte Alfonso:
„War ein harter Sommer.“
Odin nickte.
„Sehr heiß.“
„Auf meinem Waldgrundstück hat man es gemerkt. Viel zu trocken. Der Boden oben richtig staubig.“
„Bei uns auch.“
„Rasen?“
„War gelb.“
Alfonso sah ihn an.
„Euer Rasen?“
„Ja.“
„Dann war es wirklich schlimm.“
Odin grinste leicht.
5) Was die Natur daraus gemacht hat
Alfonso deutete zum Waldrand.
„Jetzt erholt sich manches wieder.“
Zwischen den Bäumen war tatsächlich wieder mehr frisches Grün zu sehen.
„Der Regen hat geholfen“, sagte Odin.
„Und die kühleren Nächte.“
Alfonso nickte.
„Aber manche Bäume haben trotzdem früh Blätter verloren.“
Odin sah hinüber.
Einzelne Blätter zeigten tatsächlich schon gelbliche Ränder.
Noch kein Herbst.
Aber auch nicht mehr der endlose Hochsommer.
„Spätsommer“, sagte Odin.
Alfonso lehnte sich zurück.
„Ich mag den.“
„Ich auch.“
„Nicht zu heiß. Man kann wieder laufen.“
„Genau.“
Sie redeten noch über Tiere im Wald, trockene Bäche und darüber, wie schnell sich Wiesen nach ein paar ordentlichen Regenfällen verändern konnten.
Dann stand Odin wieder auf.
„Weiter.“
Alfonso nickte.
„Bis bald.“
6) Björn kennt natürlich den ganzen Flohmarkt
Auf dem Rückweg durch den Ort kam Odin selbstverständlich bei Björn vorbei.
Eigentlich wollte er nur kurz schauen.
Das funktionierte bei Björn selten.
„Na!“, sagte der Bäcker-Biber. „Flohmarktkönig.“
Odin sah ihn an.
„War nicht meiner.“
„Aber du hast halb den Ort eingeladen.“
„Nur Flyer.“
„Und Katzengruppe.“
Odin zuckte mit den Schultern.
Björn grinste.
„Die Resonanz war jedenfalls gut. Montag haben mir gleich drei Leute erzählt, was sie bei euch gekauft haben.“
„Was denn?“
„Die Lampe vom Dachs. Frau Nüsslein mit ihrem Nussknacker. Und irgendjemand hat diesen Crêpes-Maker.“
Odin nickte.
„Gut.“
„Manche haben sich geärgert, dass sie zu spät kamen.“
„Fast alles weg.“
„Hab ich gehört.“
Odin wusste nicht genau, von wem Björn immer alles hörte.
Aber bei einem Bäcker schien das zum Beruf zu gehören.
7) Die Mirabellen vom Bauern
Dann zeigte Björn auf einen Kuchen in der Auslage.
Goldgelbe Früchte lagen dicht auf einem lockeren Boden, darüber feine Streusel.
„Mirabelle.“
Odin sah genauer hin.
„Vom Bauern?“
„Genau.“
Als der Bauer den Bollerwagen abgeholt hatte, hatte er Björn einen ganzen Korb Mirabellen dagelassen.
„Zu viele für uns allein“, hatte er gesagt.
Frau Biber hatte daraus sofort Kuchen gemacht.
„Heute früh gebacken“, sagte Björn.
Odin betrachtete ihn.
„Großes Stück.“
Björn lachte.
„Für dich?“
„Für alle.“
„Dann wirklich groß.“
Er schnitt ein ordentliches Stück ab.
Dann noch etwas mehr.
„So.“
Odin sah auf das Paket.
„Gut.“
Björn legte noch zwei kleine Brötchen dazu.
„Für unterwegs.“
„Danke.“
Natürlich blieben sie danach noch zehn Minuten im Gespräch.
8) Waschbärs eigener Spätsommertag
Während Odin unterwegs war, hatte Waschbär fast den ganzen Tag gezeichnet.
Nicht nur ein Bild.
Viele.
Auf dem Wohnzimmertisch lagen Blätter in allen Größen.
Ein Mähschaf zwischen hohen Gräsern.
Raseline auf der Nachbarwiese.
Ein Vogel auf dem Poolrand.
Uschi am Kräuterbeet.
Kroko mit einer Tomate in der Pfote.
Stinkerle vor dem Schuppen.
Und eine Zeichnung vom Garten unter einem Himmel mit ersten spätsommerlichen Wolken.
Der Hai sah sich die Bilder an.
„Die Perspektive bei diesem Schuppen ist nicht ganz korrekt.“
Waschbär nickte.
„Ist künstlerisch.“
„Natürlich.“
Mozart dagegen blieb lange bei dem Bild mit den beiden Mährobotern stehen.
„Das gefällt mir.“
Waschbär strahlte.
9) Odin kommt mit Kuchen
Am späten Nachmittag ging die Tür auf.
Odin kam herein.
Mit einer Bäckertüte.
Waschbär war sofort da.
„Was ist drin?“
„Kuchen.“
Kroko erschien ebenfalls.
„Welcher?“
„Mirabelle.“
Uschi sah aus der Küche.
„Oh!“
Odin stellte das große Stück auf den Tisch.
Lara holte Teller.
„Woher?“
„Bauer hatte Mirabellen. Bei Björn. Frau Biber hat Kuchen gemacht.“
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
„Das ist eine ziemlich kurze Lieferkette.“
Das Känguru hob die Pfote.
„Regionale Kreislaufwirtschaft.“
„Kuchen“, sagte Odin.
Das war für ihn die wichtigere Kategorie.
10) Kuchen und Zeichnungen
Am Abend saßen alle zusammen.
Der Mirabellenkuchen war leicht säuerlich, warm in der Frucht und mit genau genug Streuseln.
Uschi mochte ihn sofort.
Kroko prüfte den Boden.
„Sehr gut.“
Lara nahm ein zweites kleines Stück.
Waschbär wartete kaum, bis alle gegessen hatten.
Dann begann seine Ausstellung.
„Das ist heute.“
Er hielt das erste Bild hoch.
Das Mähschaf.
Dann Raseline.
Dann Uschi.
Dann Kroko.
Dann den Himmel.
Odin sah sich alles an.
„Schön.“
Waschbär blieb bei ihm stehen.
„Und dein Tag?“
Odin dachte nach.
„Wolf. Alles trocken. Spaziergang. Alfonso. Björn.“
„Mehr nicht?“
„Kuchen.“
Waschbär nickte.
„Guter Tag.“
Odin sah auf das letzte Bild mit den Feldern.
„Ja.“
Mozart nahm später sein Notizbuch und schrieb:
„Ein langer Weg muss nicht weit führen.
Manchmal reicht er von einem stillen Haus
mit gegossenen Blumen
über trockene Feldwege
bis zu einer Bank am Waldrand.Dort sitzt ein Hase
und spricht über Hitze, Regen und Bäume,
ein Bäcker weiß schon wieder mehr über den Ort,
als man erwartet hätte,
und aus einem geliehenen Bollerwagen
werden einige Tage später Mirabellenkuchen.Währenddessen zeichnet ein Waschbär
den ganzen Tag lang kleine Ausschnitte derselben Welt.Vielleicht ist Spätsommer genau das:
viele ruhige Wege,
die sich am Abend
bei einem Stück Kuchen wieder treffen.“