1) Noch ein heißer Tag
Der Freitag begann so, als hätte der Donnerstag nur kurz Luft geholt und dann beschlossen: Ich mache weiter.
Schon am Vormittag zeigte die Wetterstation des Hais wieder Werte, bei denen niemand Lust hatte, unnötig über die Terrasse zu laufen. Der Himmel war hell, der Garten stand satt und grün da, aber die Luft fühlte sich an wie ein warmes Tuch.
Der Hai las die Anzeige und sagte: „Temperatur weiterhin deutlich oberhalb des Komfortbereichs.“
Kroko saß im Schatten und trank Wasser. „Sag einfach: heiß.“
„Heiß“, sagte der Hai.
Das Känguru lag in der Hängematte, aber diesmal mit einem feuchten Tuch auf dem Bauch. „Ich nenne es thermische Zumutung.“
Uschi hatte früh gegossen, bevor die Sonne richtig auf den Garten drückte. Lara hatte die Fenster auf der Schattenseite geöffnet und überall dafür gesorgt, dass Getränke bereitstanden.
„Heute bewegen wir uns nur, wenn es nötig ist“, sagte Uschi.
„Oder wenn es zum Pool geht“, sagte Waschbär.
„Das ist nötig“, sagte Stinkerle.
Die kleine Wasserrutsche vom Vortag stand noch am Poolrand. Der Hai hatte sie erneut geprüft und nach kurzer Begutachtung als „weiterhin nutzbar bei begrenzter Belastung“ freigegeben.
Waschbär fand das großartig. Aber noch bevor der Pooltag richtig beginnen konnte, entdeckte er in der Lounge etwas anderes.
2) Das Buch in der Lounge
Waschbär war eigentlich nur in die Lounge gegangen, um sich „kreativ vor der Sonne zu schützen“. Er stöberte durch ein Regal, in dem Bücher standen, die irgendwann einmal jemand mitgebracht hatte: alte Bildbände, Kochbücher, ein Weinführer, ein Kräuterbuch, Mozarts Notizsammlung, die dort eigentlich nicht hingehörte, und ein etwas vergilbtes Buch mit goldener Schrift.
Waschbär zog es heraus.
Cocktails für Sommerabende
Er blieb stehen.
Dann rief er so laut, dass selbst Odin aus seiner Einliegerwohnung vermutlich kurz den Kopf hob: „Wir haben ein Cocktailbuch!“
Lara kam als Erste herein. „Natürlich haben wir ein Cocktailbuch.“
„Warum wusste ich davon nichts?“
„Vielleicht, weil du bisher mehr gemalt als gemixt hast.“
Waschbär blätterte ehrfürchtig. „Da sind Getränke mit Schichten. Und Eis. Und Minze. Und Limetten. Und kleine Schirmchen!“
Der Hai erschien in der Tür. „Kleine Schirmchen sind optional.“
Waschbär sah ihn an. „Nichts an kleinen Schirmchen ist optional.“
Kroko kam ebenfalls dazu. „Was ist los?“
„Cocktails“, sagte Waschbär.
Kroko dachte kurz nach. „Haben wir ein Bar-Set?“
Alle sahen zu ihm.
Kroko brummte. „Natürlich haben wir ein Bar-Set.“
Und tatsächlich: In einem Küchenschrank, ziemlich weit hinten, zwischen einem selten genutzten Fonduetopf und einer Kiste mit Einmachgläsern, lag ein vollständiges Bar-Mix-Set. Shaker, Messbecher, Barsieb, Muddler, langer Löffel, Zange und ein paar Gläser, die sofort so taten, als wären sie immer für diesen Moment bestimmt gewesen.
Das Känguru rief aus der Hängematte: „Die Bourgeoisie hat Werkzeug für flüssige Dekadenz!“
„Willst du einen?“, fragte Lara.
„Selbstverständlich.“
3) Die Zutatenlage
Uschi übernahm sofort den schönen Teil. Sie holte Minze aus dem Kräuterbeet, ein paar Zitronen und Limetten aus der Küche, Erdbeeren, Aprikosen, Gurke, Basilikum, etwas Holundersirup, Orangensaft, Apfelsaft, Mineralwasser, Tonic, Ginger Ale und Eis.
Sehr viel Eis.
Der Hai prüfte die Vorräte. „Alkoholische und nichtalkoholische Varianten sollten klar getrennt werden.“
„Ja“, sagte Uschi. „Mocktails für alle, die möchten.“
„Und Cocktails für alle, die ebenfalls möchten“, sagte das Känguru.
„In Maßen“, sagte der Hai.
„Maße sind ein Herrschaftsinstrument.“
Der Hai hob den kleinen Messbecher hoch. „In diesem Fall ein Präzisionsinstrument.“
Waschbär blätterte im Buch. „Hier steht: zwei Teile dies, ein Teil das.“
„Sehr gut“, sagte der Hai.
„Und hier steht: nach Gefühl.“
Der Hai wurde still.
Kroko grinste. „Jetzt wird’s schwierig.“
Lara nahm das Buch und sah hinein. „Wir machen eine kleine Karte. Etwas Frisches mit Minze, etwas Fruchtiges, etwas Herbes, und alles auch ohne Alkohol.“
„Eine Karte“, sagte der Hai erleichtert. „Das ist sinnvoll.“
„Eine Getränkekarte des Widerstands“, sagte das Känguru.
„Eine Sommerkarte“, sagte Uschi.
„Eine Sommerkarte mit Eis“, sagte Waschbär.
Das war der gemeinsame Nenner.
4) Der Hai misst, das Känguru improvisiert
Der erste Cocktail war eigentlich ein einfacher Minz-Limetten-Mocktail mit Eis, Limette, Minze, etwas Rohrzuckersirup und Mineralwasser.
Der Hai bestand darauf, alles exakt abzuwiegen oder abzumessen.
„Acht Blätter Minze“, sagte er.
„Acht?“, fragte Waschbär.
„Im Rezept steht sechs bis acht. Wir nehmen acht für definierte Aromaintensität.“
„Kann man Minze nicht fühlen?“
„Nein.“
Das Känguru nahm währenddessen ein anderes Glas, warf drei Minzblätter hinein, dann zwei Limettenstücke, dann Sirup, dann Eis, dann Mineralwasser, dann noch ein Spritzer irgendwas.
„Was war das?“, fragte der Hai.
„Intuition.“
„Intuition ist keine Zutat.“
„Doch. Nur schwer lagerbar.“
Der Hai machte sein Glas fertig, rührte exakt zwölf Mal um und probierte.
„Ausgewogen.“
Das Känguru probierte sein Glas.
„Lebendig.“
Lara probierte beide und sagte diplomatisch: „Das eine ist präzise. Das andere hat Charakter.“
„Charakter heißt meistens Fehler“, sagte der Hai.
„Ordnung heißt manchmal Langeweile“, sagte das Känguru.
Uschi lachte. „Dann machen wir beides.“
So wurde der erste offizielle Flanellweg-Sommerdrink geboren: einmal in Hais genauer Version, einmal in Kängurus freier Version. Waschbär schrieb auf einen Zettel:
Minz-Klimperer – exakt oder anarchisch
Der Hai protestierte gegen den Namen.
Niemand änderte ihn.
5) Eis, Früchte und sehr wichtige Gläser
Mit der Zeit wurde die Terrasse zur kleinen Sommerbar. Nicht laut, nicht wild, eher verspielt und gemütlich. Die Gläser standen in Reihen, Eiswürfel klirrten, Minze duftete, Limetten wurden ausgepresst, und Waschbär erklärte sich selbst zum „zuständigen Künstler für Garnitur“.
Er steckte Erdbeeren an Glasränder, schnitt Gurkenscheiben in dünne Streifen, platzierte Minzspitzen und wollte natürlich kleine Schirmchen.
„Woher kommen die kleinen Schirmchen?“, fragte der Hai.
Waschbär hielt eine Schachtel hoch. „Aus dem selben Schrank wie das Bar-Set.“
„Warum haben wir kleine Schirmchen?“
Kroko brummte: „Weil irgendwer irgendwann wusste, dass dieser Tag kommt.“
Odin kam später dazu, wie so oft mit einer gewissen Ruhe, und setzte sich in den Schatten. Heute trug er wieder seine Sonnenbrille, was zur Cocktailstimmung auf unerklärliche Weise sehr gut passte.
„Odin“, sagte Waschbär, „du brauchst ein Getränk, das zu deiner Brille passt.“
Odin sah ihn an. „Wasser.“
„Nein, etwas mit Stil.“
„Wasser mit Eis.“
Lara lachte. „Wir machen ihm etwas Herbes, nicht zu süß.“
So bekam Odin ein Glas mit Tonic, Limette, Gurke, Eis und einem kleinen Zweig Minze. Er probierte, nickte und sagte: „Gut.“
Waschbär flüsterte ehrfürchtig: „Odin hat den Schatten-Drink genehmigt.“
Der Hai notierte: Odin-Variante: herb, alkoholfrei, akzeptiert.
6) Kroko denkt an Essen
Kroko hatte zunächst behauptet, Cocktails seien „nicht seine Abteilung“. Doch nach einer Weile stand er doch sehr interessiert neben dem Tisch.
„Gibt es etwas, das zu Grillgemüse passt?“
„Natürlich“, sagte Lara. „Etwas mit Basilikum, Zitrone und vielleicht etwas Pfirsich oder Aprikose.“
„Aprikose ist gut“, sagte Kroko.
Uschi schnitt die Aprikosen vom Markt klein. Lara zerdrückte ein paar Stücke sanft mit Basilikum und Zitronensaft, gab Eis dazu, etwas Sprudel, für Kroko eine Variante mit einem kleinen Schuss, für die anderen ohne oder nach Wunsch.
Kroko probierte.
„Das passt.“
„Zu was?“, fragte Waschbär.
„Zu Sommer.“
Das war für Kroko sehr poetisch.
Das Känguru bestand darauf, eine eigene Kreation zu bauen. Es nahm Ginger Ale, Eis, Limette, ein bisschen Sirup, ein paar zerdrückte Beeren und nannte das Ganze „Hängemattenmanifest“.
Der Hai probierte vorsichtig.
„Zu süß.“
„Es ist ein Manifest, kein Mineralwasser.“
„Es klebt wahrscheinlich.“
„Gute Ideen kleben.“
„Nein.“
Uschi nahm einen kleinen Schluck und sagte: „Als Dessertgetränk ganz nett.“
Das Känguru sah den Hai triumphierend an. „Siehst du? Bürgerliche Anerkennung.“
„Dessertgetränk ist keine Revolution“, sagte der Hai.
„Noch nicht.“
7) Poolbar ohne Bar
Am Nachmittag verlagerten sich die Tiere näher an den Pool. Nicht direkt in die Sonne, sondern unter den Sonnenschirm, an den Rand, auf Handtücher und Liegestühle. Die kleine Wasserrutsche blieb in Betrieb, allerdings mit Getränkepause-Regel.
„Niemand rutscht mit Glas“, sagte der Hai streng.
„Das hätte ich auch gesagt“, sagte Stinkerle.
„Ich auch“, sagte Waschbär etwas zu schnell.
„Gerade du“, sagte Lara.
Die Getränke wurden in sicherer Entfernung vom Pool abgestellt. Eis klirrte in den Gläsern, und jedes Mal, wenn jemand ein neues Getränk probierte, entstand ein kleiner Kommentar.
Uschi mochte die fruchtige Sommermischung mit Erdbeeren, Limette und Minze am liebsten. Lara bevorzugte die herb-frische Variante mit Gurke und Tonic. Kroko blieb bei Aprikose-Basilikum. Odin bei seinem Wasser-mit-Stil. Der Hai trank eine genau abgemessene Zitrus-Minze-Version und wirkte zufrieden, weil sie reproduzierbar war.
Waschbär machte sich einen alkoholfreien Beeren-Cocktail mit so viel Garnitur, dass das Glas aussah wie ein kleiner Garten.
„Das ist kein Getränk mehr“, sagte Stinkerle. „Das ist ein Beet.“
„Ein trinkbares Beet.“
Die Küchenkatzen lagen im Schatten und beobachteten die Eiswürfel mit Interesse. Minimaler Positionswechsel: näher an das Klirren, aber weit genug weg von Wasser. Als ein Eiswürfel auf den Boden fiel, wurde er intensiv beschnuppert und anschließend als zu kalt abgelehnt.
8) Tigerlein filmt den Sommer im Glas
Tigerlein konnte natürlich nicht widerstehen. Es filmte die Gläser im Gegenlicht, die Minze, das Eis, Waschbärs Schirmchen, den Hai beim exakten Abmessen und das Känguru, das mit großer Geste erklärte, ein Cocktail müsse „ein Ereignis, keine Formel“ sein.
„Sag das nochmal“, sagte Tigerlein.
„Ein Cocktail muss ein Ereignis sein, keine Formel.“
Der Hai sah auf. „Ein guter Cocktail ist durchaus eine Formel.“
„Und ein gutes Leben?“
„Auch teilweise.“
„Unheimlich“, sagte das Känguru.
Tigerlein hielt die Kamera auf den Shaker. Lara schüttelte eine Runde, Uschi lachte, weil Waschbär dazu ein viel zu dramatisches Geräusch machte. Kroko stand daneben und sagte: „Nicht übertreiben.“
Waschbär antwortete: „Wir kühlen die Hitze mit Stil.“
„Das stimmt sogar“, sagte Mozart, der bisher ruhig im Schatten gesessen hatte.
Mozart hatte ein Glas mit Mineralwasser, Holunder, Zitrone und sehr viel Eis. Kein großes Spektakel. Nur ein klares, kühles Getränk.
„Mozart“, fragte Waschbär, „wie heißt dein Drink?“
Mozart sah ins Glas.
„Stiller Sommer.“
Alle waren kurz still.
Dann sagte Kroko: „Gut.“
Damit war der Name festgelegt.
9) Ein Abend voller Klirren
Als der Abend kam, war der Tag nicht mehr ganz so drückend. Die Hitze lag noch immer im Garten, aber sie hatte durch Eis, Wasser und gemeinsames Mixen ihre Härte verloren.
Auf dem Tisch standen leere Gläser, halb geschmolzene Eiswürfel, ausgepresste Limetten, ein paar Minzstängel, kleine Schirmchen und ein Cocktailbuch, das inzwischen an mehreren Stellen kleine Wasserspritzer hatte.
Der Hai trocknete es vorsichtig ab. „Bücher und Flüssigkeiten sind keine ideale Kombination.“
„Aber eine sehr passende“, sagte Waschbär.
„Nein.“
„Ein Cocktailbuch darf Spuren haben.“
„Nur begrenzte.“
Uschi lehnte sich zurück und sah zufrieden in die Runde. „Das war schön.“
„Und kühl“, sagte Lara.
„Und produktiv“, sagte der Hai. „Wir haben mehrere Varianten getestet.“
„Und poetisch“, sagte Waschbär.
„Und nicht nüchtern genug, um den Kapitalismus zu ertragen, aber nüchtern genug, um nicht vom Stuhl zu fallen“, sagte das Känguru.
„Das kommt nicht auf die Getränkekarte“, sagte Kroko.
Odin nahm noch einen Schluck von seinem alkoholfreien Tonic-Drink und sagte: „Guter Freitag.“
Das reichte.
Die Küchenkatzen lagen inzwischen im Halbschatten, während ein letzter Eiswürfel in einer Schale knackte. Minimaler Positionswechsel: ein Ohr in Richtung Klirren, der Rest im Sommermodus.
10) Mozarts Satz des Tages
Mozart nahm sein Glas, in dem nur noch ein kleiner Rest Holunder-Zitronen-Wasser und ein einzelner Eiswürfel schwamm. Er sah zu Waschbärs Cocktailbuch, zum Hai mit dem Messbecher, zum Känguru mit seinem Hängemattenmanifest und zu Uschi und Lara, die den Tag mit Früchten, Minze und Ruhe zusammengehalten hatten.
Dann sagte er:
„An heißen Tagen
wird Glück manchmal nicht gekocht
und nicht gebacken,
sondern geschüttelt.
Ein wenig Eis,
etwas Frucht,
ein Blatt Minze,
ein Spritzer Freiheit,
eine Messlinie Ordnung –
und schon klingt der Sommer
im Glas.
Manche trinken ihn genau,
manche nach Gefühl,
manche ohne Alkohol,
manche mit.
Wichtig ist nur,
dass am Ende alle kühler,
leichter
und ein bisschen fröhlicher
im Schatten sitzen.“