1) Der Garten ist weg
Als Uschi am Montagmorgen die Vorhänge öffnete, blieb sie stehen.
„Oh.“
Lara kam dazu.
„Was?“
Dann sah auch sie hinaus.
Der Garten war fast verschwunden.
Die Terrasse war noch zu erkennen.
Der Apfelbaum nur zur Hälfte.
Dahinter begann eine weiße Wand.
Raselines Wiese war nicht mehr da.
Zumindest optisch.
Waschbär kam angerannt.
„Was ist passiert?“
Er sah hinaus.
Dann strahlte er.
„Nebel!“
Der Hai erschien mit seinem Tablet.
„Sehr dichter Nebel.“
Waschbär drückte die Nase ans Fenster.
„Geheimnisnebel.“
„Meteorologisch Nebel.“
„Geheimnisnebel klingt besser.“
2) Nach dem Regen
Stinkerle stand an der Terrassentür und sah hinaus.
„Kein Wunder nach gestern.“
Der Boden war noch voll Feuchtigkeit.
Die Luft hatte sich über Nacht stark abgekühlt.
Der Hai nickte begeistert.
„Nahezu gesättigte Luftmasse.“
Das Känguru kam mit einer Tasse Tee vorbei.
„Die Welt verweigert heute die Sichtbarkeit.“
Der Hai sah es an.
„Relative Luftfeuchtigkeit 99 Prozent.“
„Das meinte ich.“
Waschbär zog schon seine Jacke an.
„Ich gehe raus.“
Uschi sah ihn an.
„Du bleibst auf den Wegen.“
„Warum?“
„Weil man fast nichts sieht.“
Waschbär grinste.
„Genau deshalb.“
3) Halloween im September
Draußen war alles gedämpft.
Geräusche wirkten näher.
Oder weiter weg.
Waschbär ging langsam über die Terrasse.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Dann kam aus dem Nebel:
„Alles gut.“
Das Mähschaf.
Waschbär erschrak kurz.
Dann lachte er.
„Du bist ein Geisterschaf!“
„Nein.“
„Heute schon.“
Das Mähschaf stand noch im Terrassenhafen.
Der Rasen war ohnehin zu feucht.
Von Raseline hörte man zunächst gar nichts.
Waschbär rief:
„Raseline?“
Ein paar Sekunden später:
„Hier.“
Waschbär konnte sie nicht sehen.
Das gefiel ihm außerordentlich gut.
„Das ist wie Halloween.“
„September“, sagte das Mähschaf.
„Halloween beginnt im Herzen.“
4) Der Hai misst Sichtweite
Der Hai stand inzwischen ebenfalls draußen.
Mit Tablet.
Notizblock.
Und einer erstaunlich ernsten Miene.
„Ich möchte die Sichtweite abschätzen.“
Stinkerle sah ihn an.
„Wie?“
„Fixpunkte.“
Er kannte Entfernungen im Garten.
Terrassenkante.
Apfelbaum.
Schuppen.
Hinterer Zaun.
Nachbargrundstück.
„Schuppen sichtbar.“
„Ja.“
„Zaun kaum.“
„Ja.“
„Raseline nicht.“
„Nein.“
Der Hai notierte.
„Effektive Sichtweite vielleicht 35 bis 45 Meter.“
Waschbär kam dazu.
„Schreib 40 Meter Geheimnis.“
„Nein.“
5) Luftfeuchtigkeit, Taupunkt, Freude
Drinnen öffnete der Hai die Wetterdaten.
„Außentemperatur 11,8 Grad.“
Der weiße Tiger trank Kaffee.
„Mhm.“
„Taupunkt 11,7.“
„Mhm.“
„Deshalb praktisch vollständige Sättigung.“
„Mhm.“
Der Hai sah ihn an.
„Interessiert dich das nicht?“
„Doch. In angemessenem Maß.“
Das war nicht das Maß des Hais.
Er öffnete ein Diagramm vom Vortag.
Regenmenge.
Temperaturabfall.
Bodenfeuchte.
Dann die Nachtwerte.
„Perfekte Bedingungen.“
Waschbär sagte:
„Für Geister.“
„Für Strahlungs- und Verdunstungsnebel.“
„Geister.“
6) Mozart geht hinaus
Mozart hatte das alles still beobachtet.
Dann holte er seine Jacke.
Uschi sah ihn an.
„Willst du spazieren?“
„Nur ein wenig.“
„Man sieht fast nichts.“
Mozart lächelte.
„Darum.“
Er nahm sein kleines Notizbuch mit.
Nicht das große.
Nur das, das in die Jackentasche passte.
Dann ging er hinaus.
Langsam.
Über den Gartenweg.
Am Apfelbaum vorbei.
Zum Gartentor.
Dann weiter.
Im Nebel verschwand er nach wenigen Metern.
Waschbär sah ihm nach.
„Jetzt ist er weg.“
Der Hai sagte:
„Nur außer Sicht.“
„Das ist weniger poetisch.“
„Aber korrekt.“
7) Die Welt wird kleiner
Mozart ging nicht weit.
Aber der Nebel machte aus bekannten Wegen etwas anderes.
Der Straßenrand erschien erst kurz vor ihm.
Hecken wurden zu dunklen Flächen.
Ein Baum tauchte langsam aus dem Weiß auf und verschwand wieder hinter ihm.
Alles, was normalerweise den Blick in die Ferne zog, war fort.
Kein Horizont.
Keine großen Felder.
Keine Häuserzeilen.
Nur die nächsten Meter.
Mozart blieb stehen.
Auf einem Zaun saßen kleine Wassertropfen.
Ein Spinnennetz war vollständig mit feinen Perlen bedeckt.
Er schrieb ein paar Zeilen.
Dann ging er weiter.
8) Waschbär plant schon Halloween
Währenddessen hatte Waschbär beschlossen, dass der Nebel eine Planung erforderte.
„Wir brauchen dieses Jahr Nebelmaschine.“
Der Hai sah ihn an.
„Wir haben gerade natürlichen Nebel.“
„An Halloween vielleicht nicht.“
„Noch sechs Wochen.“
„Genau. Planung.“
Das Känguru setzte sich dazu.
„Halloween ist ein kommerzialisiertes Importfest.“
Waschbär sah ihn an.
„Du bekommst trotzdem Kürbissuppe.“
Das Känguru dachte nach.
„Dann ist eine differenzierte Betrachtung notwendig.“
Lara lachte.
„Natürlich.“
Waschbär begann schon, kleine Geister auf Papier zu zeichnen.
9) Mozart kommt zurück
Nach einer Weile öffnete sich die Tür.
Mozart kam herein.
Seine Jacke war leicht feucht.
Auf den Schultern lagen kleine Tropfen.
Uschi gab ihm sofort ein Handtuch.
„Und?“
Mozart setzte sich.
„Sehr schön.“
Der Hai fragte:
„Wie weit konntest du sehen?“
Mozart dachte nach.
„Nicht weit.“
„Ungefähr?“
„Weit genug.“
Der Hai seufzte.
Waschbär grinste.
„Das ist wieder so eine Mozart-Antwort.“
Mozart nahm sein Notizbuch heraus.
„Ich habe etwas geschrieben.“
Jetzt hörten alle zu.
10) Nebel kann man nicht nur messen
Mozart las:
„Am Morgen ist der Garten kleiner geworden.
Nicht weil etwas fehlt,
sondern weil der Nebel alles Ferne
für eine Weile zurückgenommen hat.Der Weg endet heute nicht am Horizont,
sondern nach wenigen Schritten im Weiß.
Ein Baum wird erst zum Baum,
wenn man ihm nahe genug kommt.
Ein Spinnennetz trägt Wasserperlen
wie kleine Sterne.Vielleicht ist Nebel keine Leere.
Vielleicht ist er nur eine Einladung,
weniger weit und dafür genauer zu schauen.“
Es war kurz still.
Der Hai sah auf seine Tabelle.
Dann aus dem Fenster.
„35 bis 45 Meter“, sagte er.
Waschbär stöhnte.
Der Hai lächelte.
„Aber Mozarts Version ist auch gut.“
11) Langsam kommt der Garten zurück
Gegen Mittag wurde der Nebel heller.
Zuerst erschien der hintere Zaun wieder.
Dann Raseline.
Dann die Wiese.
Der Apfelbaum bekam seinen vollständigen Umriss zurück.
Waschbär war fast ein wenig enttäuscht.
„Schon vorbei.“
Stinkerle sah hinaus.
„Kommt wieder.“
„Spätestens Halloween?“
„Vielleicht.“
Der Hai prüfte die Werte.
„Luftfeuchtigkeit fällt.“
Das Känguru sagte:
„Die Welt materialisiert sich erneut.“
„Oder der Nebel löst sich auf“, sagte der Hai.
„Technokrat.“
„Känguru.“
12) Ein Montag mit wenig Sicht und vielen Gedanken
Am Abend war vom Nebel nichts mehr übrig.
Der Garten lag klar vor den Fenstern.
Mähschaf und Raseline hatten sich später noch kurz bewegt, nachdem der Boden etwas abgetrocknet war.
Waschbär hatte bereits drei Halloweenzeichnungen gemacht.
Der Hai hatte eine kleine Auswertung des Nebelmorgens erstellt.
Und Mozart legte sein Notizbuch auf den Tisch.
Uschi sah noch einmal hinaus.
„Schon erstaunlich, wie anders alles heute Morgen aussah.“
Mozart nickte.
„Der Nebel nimmt der Welt nichts weg.
Er versteckt nur für ein paar Stunden,
was wir sonst für selbstverständlich halten.Dann freut sich Waschbär auf Geister,
der Hai auf Messwerte
und man selbst vielleicht einfach darauf,
einen bekannten Weg
noch einmal ganz neu zu sehen.“