04. Juli 2026 Bewölkt Sommer 9 min

Odin und der italienische Sommerabend

Odin und der italienische Sommerabend

1) Nur kurz zu Björn

Odin erschien am Samstagmorgen mit einer Stofftasche in der Pfote und seiner Sonnenbrille auf der Nase.

„Ich gehe zu Björn“, sagte er.

Kroko, der gerade Kaffee machte, brummte: „Kurz?“

Odin sah ihn an. „Ja.“

Niemand glaubte ihm.

Uschi kam mit Lara aus dem Garten herein. Beide hatten bereits die Tomaten geprüft, etwas Minze geschnitten und festgestellt, dass der Tag warm, aber angenehm werden würde.

„Wir kommen mit“, sagte Uschi.

Odin nickte.

„Dann können wir bei Frau Biber schauen, was sie heute gemacht hat“, ergänzte Lara.

Odin nickte erneut.

Das Känguru rief aus der Hängematte: „Eine kleine Delegation des Flanellwegs begibt sich zum lokalen Backwarenknotenpunkt!“

„Wir holen Brot“, sagte Odin.

„Jede große Reise beginnt mit einer verharmlosenden Beschreibung.“

Der Hai sah auf die Uhr. „Bitte bedenkt, dass Kroko für den Abend noch Zutaten braucht.“

„Wir gehen danach zu Wolf“, sagte Uschi.

Kroko hob den Kopf. „Dann bringt gute Sachen mit.“

„Was genau?“, fragte Lara.

Kroko dachte kurz nach. „Italienisch.“

Das war keine Einkaufsliste, aber eine Richtung.


2) Bei Herr und Frau Biber

Bei Björn roch es nach frischem Brot, Kaffee und warmem Gebäck. Auf dem Tresen lagen Ciabatta, Focaccia, kleine Olivenbrötchen und ein Brot mit getrockneten Tomaten.

Björn sah Odin durch die Tür kommen und lachte.

„Da ist mein Samstagsgespräch.“

„Ich wollte Brot“, sagte Odin.

„Natürlich.“

Frau Biber kam aus der Backstube und begrüßte Uschi und Lara herzlich. Sie hatte an diesem Morgen kleine Zitronentörtchen, Mandelgebäck und feine Aprikosenstückchen vorbereitet.

„Nicht ganz französisch, nicht ganz italienisch“, sagte sie. „Eher ein bisschen Süden.“

Lara trat sofort näher. „Das sieht wunderbar aus.“

Und damit begann das erste Gespräch.

Frau Biber erzählte von Aprikosen, von Zitronencreme und davon, wie unterschiedlich französische und italienische Patisserie mit Süße umgehen. Lara sprach wieder ein paar Sätze Französisch mit ihr, und Frau Biber antwortete so selbstverständlich, als hätten beide das Gespräch vom letzten Mal einfach nur unterbrochen.

Uschi hörte lächelnd zu und fragte nach der Zitronencreme.

Am anderen Ende des Ladens sprach Björn währenddessen mit Odin über Sauerteig, lange Ruhezeiten, die neue Mehlmischung und einen Kunden, der angeblich jedes Brot nur nach der Kruste beurteilte.

„Kruste ist wichtig“, sagte Odin.

„Aber nicht alles“, sagte Björn.

„Stimmt.“

Das Gespräch hätte noch sehr lange dauern können.

Tat es auch.


3) Ein Laden voller Gespräche

Nach einer Weile standen mehrere Tüten auf dem Tresen:

Ciabatta.
Focaccia mit Rosmarin.
Ein Brot mit Oliven.
Ein paar kleine Zitronentörtchen.
Aprikosengebäck.
Und etwas Mandelgebäck, das Frau Biber „für später auf der Terrasse“ dazulegte.

Uschi sah auf die Uhr. „Wir wollten noch zu Wolf.“

Björn hob die Pfote. „Odin und ich waren fast fertig.“

Frau Biber lachte. „Das sagt ihr seit zwanzig Minuten.“

Odin sah nicht im Geringsten ertappt aus.

Lara fragte Frau Biber noch nach einem alten Rezept, und schon begann ein neues Gespräch über Teige, Früchte und Sommerabende in Paris.

Björn sagte zu Uschi: „Siehst du? Nicht nur Odin hält den Laden auf.“

„Wir ergänzen uns“, sagte Uschi.

Schließlich wurde alles eingepackt. Odin nahm die Brottüte, Uschi die Gebäckschachtel, Lara das Ciabatta.

Björn sah ihnen nach. „Nächsten Samstag wieder?“

Odin sagte: „Vielleicht.“

Alle wussten, dass das Ja bedeutete.


4) Bei Metzger Wolf

Der Weg zu Metzger Wolf führte durch den Ort, vorbei an offenen Fenstern, kleinen Gärten und dem Marktplatz, der heute ruhiger war als am Dienstag.

Wolf stand hinter seinem Tresen und begrüßte die drei sofort.

„Grillabend?“

„Italienisch“, sagte Odin.

Wolf nickte, als sei das eine ausreichend genaue Bestellung.

Er zeigte ihnen kleine Hähnchenstücke für Spieße, würzige Salsiccia, dünne Rindfleischscheiben und etwas Schinken für Antipasti.

Uschi wählte zusätzlich Gemüsebeilagen aus dem kleinen Kühlregal: marinierte Paprika, Oliven und eingelegte Artischocken.

„Kroko wird sich freuen“, sagte sie.

Wolf packte alles sorgfältig ein. „Bei dem Wetter nicht zu schwer grillen. Lieber viel Gemüse, Brot und Kräuter dazu.“

„Das hat Kroko bestimmt auch vor“, sagte Lara.

Odin sah sie an.

„Vermutlich“, korrigierte sie.

Wolf legte noch ein kleines Stück Kräuterbutter dazu. „Zum Probieren.“

„Danke“, sagte Odin.

Dann erzählte Wolf noch kurz von einem neuen Grillrost, Björn, der angeblich zu viel über Brot sprach, und der Frage, ob Focaccia überhaupt Brot oder schon eine eigene Welt sei.

Odin hörte interessiert zu.

Uschi nahm ihn sanft am Arm. „Wir müssen weiter.“

„Fast fertig“, sagte Odin.

Lara lachte. „Du bist wirklich überall fast fertig.“


5) Ganz zufällig bei der Füchsin

Auf dem Rückweg gingen sie einen kleinen Umweg.

Nicht groß.

Nur eine Straße weiter.

Ganz zufällig lag dort Fuchs & Flor.

Vor dem Laden standen Eimer mit Sommerblumen: Dahlien, kleine Sonnenblumen, duftendes Grün, zarte helle Blüten und ein paar violette Zweige, die Uschi sofort gefielen.

„Wir sind ja gerade hier“, sagte Lara.

Odin sah auf die Straße, dann auf den Laden.

„Zufällig“, sagte er.

Uschi lächelte. „Ganz zufällig.“

Die Füchsin war wieder aus dem Urlaub zurück und begrüßte beide herzlich.

„Ich habe euch schon vermisst“, sagte Uschi.

„Und ich den Flanellweg“, sagte die Füchsin. „Wie geht es eurem Garten?“

„Sehr gut. Nach Hitze und Gewitter wieder ordentlich.“

Die Füchsin stellte einen Strauß zusammen, der genau zum heutigen Abend passen sollte: sommerlich, warm, etwas italienisch in der Stimmung, mit kleinen Sonnenblumen, zarten cremefarbenen Blüten, Lavendelzweigen und viel lockerem Grün.

„Für die lange Tafel auf der Terrasse“, sagte sie.

Lara nickte. „Genau dafür.“

Odin stand daneben, Brottüte und Fleischpaket in den Pfoten, und sagte nichts. Aber als die Füchsin den Strauß überreichte, nahm er ihn vorsichtig zusätzlich unter den Arm.

„Du trägst jetzt wirklich alles“, sagte Uschi.

„Geht.“

Das war Odins Definition von Logistik.


6) Coccodrillo übernimmt

Zu Hause musste Kroko nur einen Blick auf die Einkäufe werfen.

„Gut“, sagte er.

Dann wurde aus Kroko wieder Coccodrillo.

Er marinierte Gemüse mit Olivenöl, Knoblauch, Zitrone und Kräutern. Die Hähnchenstücke kamen auf Spieße, dazwischen Zucchini, Paprika und rote Zwiebel. Die Salsiccia blieb schlicht. Die Rindfleischscheiben bekamen nur Salz, Pfeffer und später etwas Rosmarin.

Uschi stellte den Strauß in eine große Vase. Lara bereitete einen Tomatensalat mit Basilikum vor. Odin schnitt das Ciabatta, ruhig und gleichmäßig.

Der Hai prüfte Grillabstand, Getränkemengen und Schatten.

„Am Abend wird es angenehm“, sagte er. „Kein Hitzerekord. Keine Gewitterwarnung.“

„Endlich mal Wetter ohne Sonderlage“, sagte Kroko.

Waschbär und Stinkerle stellten Lichter auf der Terrasse auf. Nicht zu hell, nur kleine warme Lampen und ein paar Gläser mit Kerzen.

Tigerlein nahm einige Aufnahmen vom Grill, vom Blumenstrauß und vom langen Tisch auf.

Das Känguru lag in der Hängematte und kommentierte: „Der Süden Europas wird kulinarisch erneut in den Flanellweg integriert.“

„Du kannst auch einfach sagen, dass es gut riecht“, sagte Lara.

Das Känguru atmete tief ein.

„Es riecht gut.“


7) Der lange Sommerabend

Als der Grill bereit war, saßen alle draußen.

Es gab Antipasti, Brot, Oliven, Artischocken, Tomatensalat, gegrilltes Gemüse, Spieße, Salsiccia und die dünnen Fleischstücke. Dazu Wasser, etwas Wein und später die kleinen Zitronen- und Aprikosengebäcke von Frau Biber.

Der Himmel blieb lange hell. Erst gold, dann rosa, dann langsam blau.

Das Mähschaf ruhte im Terrassenhafen. Raseline stand auf der Nachbarwiese. Die Küchenkatzen lagen in der Nähe des Tisches und beobachteten besonders aufmerksam die Salsiccia.

Minimaler Positionswechsel: näher an Italien.

Kroko saß endlich selbst, mit einem Teller vor sich und sichtbarer Zufriedenheit.

„Gut gegrillt“, sagte Odin.

Kroko nickte. „Gute Sachen.“

Uschi betrachtete den Strauß im Abendlicht. „Die Füchsin hat genau die richtige Stimmung getroffen.“

Lara hob ihr Glas. „Auf zufällige Umwege.“

„Auf lange Gespräche“, sagte Uschi.

Björn hätte diesen Satz vermutlich sehr gemocht.

Das Känguru lag nun nicht mehr in der Hängematte, sondern saß bei den anderen am Tisch. Es sprach über lange Sommerabende, gemeinsames Essen und die merkwürdige Tatsache, dass Zeit sich anders anfühlt, wenn es erst spät dunkel wird.

„Im Winter“, sagte es, „wirkt der Abend wie ein Ende. Im Sommer eher wie eine Fortsetzung.“

Mozart sah zu ihm. „Das ist schön.“

Das Känguru blinzelte. „Ich kann auch schön.“


8) Die lange Dämmerung

Später wurden die Teller leerer, die Gespräche ruhiger und die Kerzen sichtbarer.

Der Himmel war noch immer nicht ganz dunkel. Über dem Garten lag eine lange, milde Dämmerung. Niemand hatte Eile, ins Haus zu gehen.

Waschbär aß ein Aprikosengebäck und sagte: „Heute war alles lang.“

„Die Gespräche“, sagte Uschi.

„Der Einkauf“, sagte Lara.

„Der Grill“, sagte Kroko.

„Die Dämmerung“, sagte Mozart.

„Und Odins ‘kurz zu Björn’“, sagte das Känguru.

Alle lachten.

Odin saß ruhig da, trank einen kleinen Schluck Wein und sah zufrieden in den Garten.

„War gut“, sagte er.

Mehr brauchte der Abend nicht.

Mozart legte die Pfoten um sein Glas und sagte:

„Ein langer Sommertag
besteht selten aus einem großen Ereignis.
Er wächst aus Gesprächen beim Bäcker,
einem Umweg zum Metzger,
Blumen, die ganz zufällig mitkommen,
Brot, Kräutern
und einem Grill,
der bis in die Dämmerung warm bleibt.
Wenn es spät dunkel wird,
hat der Tag mehr Zeit,
sich in Erinnerung zu verwandeln.
Und selbst das Känguru
darf dann philosophieren,
ohne etwas dagegen zu haben.“