1) Der Sportwagen vor dem Haus
Am Freitagnachmittag hörte Odin zuerst das Auto.
Nicht laut.
Aber anders.
Tiefer.
Satter.
Waschbär war sofort am Fenster.
„Was ist das?“
Odin sah hinaus.
„Er.“
„Wer?“
Dann bog der Sportwagen in den Flanellweg ein.
Waschbär stand auf.
Sehr langsam.
Dann schneller.
„Oh.“
Der Wagen hielt vor dem Haus.
Sauber.
Tief.
Glänzend.
Der gepflegte Waschbär stieg aus.
Natürlich sah auch er aus, als hätte er sich passend zum Auto angezogen.
Dunkle Jacke.
Saubere Schuhe.
Ordentliches Fell.
In der Hand trug er eine flache Tasche.
Waschbär sagte nur:
„Ooooooh.“
2) Zwei sehr verschiedene Waschbären
Die Tür ging auf.
„Guten Tag.“
Odin begrüßte ihn.
Dann stand Flanellweg-Waschbär direkt daneben.
Mit einem kleinen Klecks Marmelade am Ärmel.
Niemand wusste genau, woher.
Der gepflegte Waschbär sah ihn an.
Dann lächelte er.
„Endlich richtig.“
Waschbär strahlte.
„Du bist wirklich der aus der Gruppe.“
„Und du wirklich der mit den Bildern.“
Sie gaben sich die Pfote.
Der Kontrast war bemerkenswert.
Der eine ruhig und elegant.
Der andere schon mit dem Blick halb beim Sportwagen.
Stinkerle flüsterte zu Lara:
„Das ist fast zu schön.“
Lara grinste.
„Ja.“
3) Fußmatten und Winterreifen
Der gepflegte Waschbär hob die Tasche.
„Ich habe beim Aufräumen noch die Originalfußmatten gefunden.“
Odin nahm sie entgegen.
„Sehr gut.“
„Wären zu schade gewesen.“
Dann deutete er zum Auto.
„Und die Winterräder liegen auch noch bei mir. Eingelagert, sauber, beschriftet.“
Der Hai erschien im Flur.
„Beschriftet?“
Der gepflegte Waschbär nickte.
„Natürlich.“
Der Hai sah ihn an.
Ein stiller Moment gegenseitiger Anerkennung.
„Mit Position?“
„Vorne links, vorne rechts, hinten links, hinten rechts. Profiltiefe notiert.“
Der Hai war begeistert.
„Sehr gut.“
Odin sagte:
„Ich hole sie die Tage.“
„Kein Problem.“
4) Waschbär sieht den Sportwagen
Der Flanellweg-Waschbär hielt es nicht länger aus.
„Kann ich ihn ansehen?“
Der gepflegte Waschbär lächelte.
„Natürlich.“
Das war ein Fehler.
Oder ein Geschenk.
Je nach Perspektive.
Waschbär war sofort draußen.
Er ging einmal um das Auto.
Dann noch einmal.
Sah durch die Scheibe.
„Die Sitze!“
„Ja.“
„Und das Lenkrad!“
„Ja.“
„Und hinten ist fast gar kein Platz!“
„Das ist Absicht.“
Waschbär kniete sich fast hin, um eine Felge zu betrachten.
Stinkerle lief hinterher.
„Nicht anfassen.“
„Ich fasse nicht.“
Kurze Pause.
„Fast nicht.“
5) Automobilbegeisterung trifft Waschbärbegeisterung
Der gepflegte Waschbär erklärte geduldig.
Motor.
Fahrwerk.
Bremsen.
Reifen.
Warum er dieses Modell gewählt hatte.
Warum das Cabrio trotzdem bleiben durfte.
Warum der Geländewagen für andere Dinge praktischer war.
Waschbär hörte zu, als würde ihm jemand eine seltene Tierart zeigen.
„Und du brauchst wirklich alle drei?“
Der gepflegte Waschbär dachte kurz nach.
„Brauchen ist vielleicht das falsche Wort.“
Waschbär nickte ehrfürchtig.
„Verstehe.“
Odin stand daneben.
„Das hast du beim Känguru gelernt.“
„Nein.“
Das Känguru rief aus der Tür:
„Konsumrechtfertigung!“
Der gepflegte Waschbär sah kurz irritiert.
Odin sagte:
„Auch normal hier.“
6) Kaffee im Wohnzimmer
Irgendwann zog der Nachmittag alle nach drinnen.
Uschi machte Kaffee.
Lara Tee.
Der gepflegte Waschbär setzte sich vorsichtig aufs Sofa.
Waschbär direkt gegenüber.
Zu direkt.
„Du kennst wirklich meine Bilder?“
„Ja.“
„Welche?“
„Mehrere.“
„Auch die Herbstserie?“
„Besonders die.“
Waschbär wurde stiller.
Das kam selten vor.
Der gepflegte Waschbär fuhr fort:
„Du hast einen sehr eigenen Blick.“
Jetzt hörten auch die anderen zu.
„Nicht perfekt glatt. Aber lebendig.“
Waschbär sah auf seine Pfoten.
„Oh.“
7) Die Bilder werden hervorgeholt
Natürlich dauerte es nicht lange, bis Waschbär anfing, Bilder zu holen.
Erstes.
Zweites.
Drittes.
Aquarelle.
Skizzen.
Eine Herbstlandschaft.
Ein Gartenbild.
Eine Studie vom alten Apfelbaum.
Dann eines seiner besten Gemälde.
Ein spätsommerlicher Blick über den Garten, warmes Licht, Schatten, etwas Wind in den Pflanzen.
Der gepflegte Waschbär nahm es vorsichtig.
Sah lange hin.
Sehr lange.
„Das nehme ich.“
Waschbär blinzelte.
„Was?“
„Wenn du es verkaufst.“
„Du willst das?“
„Ja.“
Waschbär sah zu Odin.
Dann zu Uschi.
Dann wieder zum Bild.
„Echt?“
„Echt.“
8) Ein Auftrag entsteht
Der gepflegte Waschbär stellte das Bild zur Seite.
„Und ich hätte noch eine Idee.“
Waschbär rückte näher.
„Welche?“
„Ein Bild vom Cabrio.“
Odin grinste.
Natürlich.
„Nicht fotorealistisch“, sagte der gepflegte Waschbär. „Eher so, wie du Dinge siehst.“
Waschbär war jetzt vollständig Feuer und Flamme.
„Mit Landschaft?“
„Vielleicht.“
„Küste?“
„Vielleicht.“
„Abendlicht?“
Der gepflegte Waschbär lächelte.
„Genau.“
Waschbär stand fast auf.
„Ich mach Skizzen.“
Der Hai sagte:
„Preis vorher klären.“
Alle sahen ihn an.
Der Hai hob die Pfoten.
„Ist doch richtig.“
Der gepflegte Waschbär nickte.
„Ist es.“
9) Kroko hört Côte d’Azur
Kroko hatte bisher wenig gesagt.
Er war in der Küche.
Dann hörte er aus dem Wohnzimmer:
„Côte d’Azur.“
Er erschien in der Tür.
„Was?“
Der gepflegte Waschbär sah zu ihm.
„Ich war früher öfter dort.“
Kroko wurde aufmerksam.
„Wo?“
„Verschieden. Cannes. Antibes. Einmal länger bei Menton.“
Kroko brummte.
Anders als sonst.
Fast interessiert.
„Gute Gegend.“
Der gepflegte Waschbär nickte.
„Sehr.“
Lara sah zwischen beiden hin und her.
„Jetzt wird es interessant.“
Kroko verschwand wieder.
10) Das spontane Dessert
Eine halbe Stunde später roch es plötzlich anders im Haus.
Vanille.
Butter.
Etwas Zitrus.
Vielleicht Mandeln.
Uschi sah in die Küche.
„Was machst du?“
Kroko sagte:
„Dessert.“
„Warum so plötzlich?“
„Passt.“
Er machte kleine, feine Portionen.
Etwas Cremiges.
Etwas Knuspriges.
Mit Zitrusnote.
Gerösteten Mandeln.
Ein wenig Frucht.
Nicht schwer.
Eher elegant.
Der gepflegte Waschbär nahm den ersten Löffel.
Dann blieb er kurz still.
„Das erinnert mich tatsächlich an Südfrankreich.“
Kroko nickte.
„Gut.“
Das war für ihn genug.
11) Erinnerungen an die Küste
Der gepflegte Waschbär erzählte nun mehr.
Von warmen Abenden.
Von engen Straßen.
Von kleinen Restaurants.
Vom Licht auf dem Wasser.
Von Autos, die dort irgendwie besser aussahen als anderswo.
Waschbär fragte:
„Auch Sportwagen?“
„Viele.“
„Natürlich.“
Lara lächelte.
„Und das Essen?“
„Sehr gut.“
Kroko hörte weiter zu.
Sagte wenig.
Aber bei bestimmten Orten nickte er.
Das fiel Mozart auf.
Er sagte nichts dazu.
Noch nicht.
12) Ein Bild wechselt den Besitzer
Später wurde das Gemälde vorsichtig eingepackt.
Waschbär stand daneben.
Fast ungewohnt ernst.
„Pass gut drauf auf.“
Der gepflegte Waschbär nickte.
„Versprochen.“
„Nicht in die Garage.“
„Nein.“
„Nicht in die Sonne.“
„Nein.“
„Nicht—“
Stinkerle legte Waschbär eine Pfote auf die Schulter.
„Er kennt sich aus.“
Der gepflegte Waschbär lächelte.
„Ich hänge es ins Büro.“
Waschbär sah sehr zufrieden aus.
„Nordflügel?“
„Ja.“
„Gut.“
13) Abschied am Sportwagen
Draußen war es schon dämmrig.
Die Lichterketten gingen langsam an.
Der gepflegte Waschbär verstaute das Bild sorgfältig.
Odin erinnerte noch einmal an die Winterreifen.
„Ich melde mich.“
„Mach das.“
Waschbär stand daneben.
„Und das Cabrio-Bild.“
„Kein Stress.“
„Ich hab schon Ideen.“
„Das glaube ich.“
Dann stieg der gepflegte Waschbär ein.
Der Motor sprang an.
Waschbär sah fasziniert zu.
Der Wagen fuhr vom Hof.
Noch lange, nachdem er weg war, stand Waschbär draußen.
„Schon schönes Auto.“
Stinkerle nickte.
„Ja.“
14) Die Abendunterhaltung ist noch nicht vorbei
Drinnen wurde natürlich weitergeredet.
Über das Bild.
Über den Auftrag.
Über die Waschbärgruppe.
Über den Fuhrpark.
Über Südfrankreich.
Das Känguru sagte:
„Interessant, wie soziale Netzwerke plötzlich in ökonomische Beziehungen übergehen.“
Der Hai nickte.
„Das ist tatsächlich interessant.“
Waschbär sah beide an.
„Er mag meine Kunst.“
Odin grinste.
„Das ist der wichtigere Teil.“
Waschbär nickte.
„Ja.“
15) Ein sehr guter Freitagabend
Später saßen alle noch bei Kaffee, Tee und den letzten Resten von Krokos Dessert.
Der Kamin brannte leise.
Draußen war es dunkel.
Das neue Auto stand sauber vor dem Haus.
Im Wohnzimmer fehlte nun ein Gemälde.
Aber genau deshalb fühlte es sich dort ein wenig anders an.
Als hätte etwas, das bisher nur zum Flanellweg gehört hatte, plötzlich einen Weg nach draußen gefunden.
Mozart schrieb:
„Manchmal treffen sich zwei,
die kaum unterschiedlicher sein könnten,
und verstehen sich gerade deshalb erstaunlich gut.Der eine kommt im Sportwagen,
ordentlich, ruhig und mit Originalfußmatten im Gepäck.Der andere hat Marmelade am Ärmel,
Farbe an den Pfoten
und tausend Fragen.Und plötzlich wird aus einem Autokauf
ein Kunstauftrag,
aus Kaffee eine lange Unterhaltung
und aus einem Dessert
eine Erinnerung an eine weit entfernte Küste.Vielleicht sind gute Begegnungen genau so:
Man plant nur, Winterreifen zu übergeben –
und nimmt am Ende ein Bild mit nach Hause.“