1) Post vom Landratsamt
Am Montagmorgen ging Odin zum Briefkasten.
Der Hai kam zufällig vorbei.
Zumindest behauptete er später, es sei Zufall gewesen.
Odin öffnete die Klappe und nahm mehrere Dinge heraus.
Einen Werbeflyer.
Zwei gewöhnliche Umschläge.
Und einen Brief mit einem bekannten Absender.
Der Hai erkannte ihn sofort.
„Landratsamt.“
Odin sah auf den Umschlag.
„Ja.“
Der Hai trat einen halben Schritt näher.
„Für dich.“
„Steht drauf.“
„Ist das eine Rückmeldung zu deinem letzten Antrag?“
Odin steckte den Brief unter den Arm.
„Vielleicht.“
„Zum Formular?“
„Kann sein.“
„Oder zu einem Bescheid?“
Odin sah ihn an.
„Hai.“
Der Hai hielt inne.
„Ich frage ja nicht mehr nach Vergangenheiten.“
„Gut.“
„Das hier ist Gegenwart.“
Odin ging ins Haus.
Der Hai blieb einen Moment vor dem Briefkasten stehen.
„Das ist technisch korrekt.“
2) Döner und eine Zeitung, die niemand bestellt hat
Im Briefkasten lag außerdem ein neuer Flyer vom Anatolien Grill.
Waschbär nahm ihn sofort.
„Oh! Kemal.“
Auf dem Flyer waren Döner, Halloumi, Tellergerichte und ein neues Mittagsangebot abgebildet.
Kroko sah kurz hin.
„Guter Laden.“
Odin nickte.
„Ja.“
Dann zog Stinkerle etwas aus dem Zeitungsrohr.
Eine große, dicke Tageszeitung.
Gefaltet.
Mit mehreren Beilagen.
„Wer hat die bestellt?“
Alle schwiegen.
Der weiße Tiger sah aus dem Büro.
„Ich nicht.“
Uschi schüttelte den Kopf.
Lara ebenfalls.
Mozart nahm seine Brille etwas tiefer.
„Ich auch nicht.“
Das Känguru rief aus der Hängematte:
„Vielleicht hat die Presse endlich erkannt, dass wir ein relevanter Haushalt sind.“
Der Hai nahm die Zeitung.
„Möglicherweise falsch eingeworfen.“
Waschbär zeigte auf den Stapel.
„Dann können wir sie lesen, bis wir wissen, wem sie gehört.“
Der Hai dachte darüber nach.
„Vorsichtig.“
3) Die Zeitung wird aufgeteilt
Schon wenige Minuten später lag die Zeitung in Einzelteilen über den ganzen Wohnbereich verteilt.
Das Känguru hatte sich den Politik- und Meinungsteil genommen.
„Endlich.“
Es legte die Seiten breit über die Hängematte.
„Was endlich?“, fragte Stinkerle.
„Eine institutionalisierte Sammlung von Dingen, denen ich widersprechen kann.“
Mozart bekam das Feuilleton.
Er blätterte durch Theaterkritiken, Buchbesprechungen und einen langen Artikel über eine Ausstellung.
„Sehr angenehm.“
Uschi und Lara teilten sich Internationales, Kultur und Reise.
„Hier ist etwas über Südfrankreich“, sagte Uschi.
Lara sah sofort hin.
„Wo?“
Der Hai bemerkte das.
Er sagte nichts.
Er arbeitete schließlich daran.
Der weiße Tiger nahm den Wirtschaftsteil für fünf Minuten mit ins Büro.
Tigerlein interessierte sich für Medien und Lokales.
Und Kroko bekam eine einzelne Seite in die Hand gedrückt.
„Was ist das?“
Waschbär grinste.
„Rezept des Tages.“
Kroko sah darauf.
„Ofengemüse mit Kräuterquark.“
Dann zur Küche.
Dann wieder auf das Rezept.
„Kann ich besser.“
4) Das Känguru findet endlich Widerstand
Das Känguru war schon nach wenigen Minuten vollständig im Kommentarteil versunken.
„Unsinn.“
Eine Seite wurde umgeblättert.
„Auch Unsinn.“
Noch eine.
„Teilweise richtig, aber aus falschen Gründen.“
Der Hai ging vorbei.
„Was genau liest du?“
„Einen Kommentar zur Wirtschaftspolitik.“
„Und?“
„Zu wenig strukturelle Analyse.“
„Was wäre deine?“
Das Känguru setzte sich auf.
„Zunächst müsste man die Eigentumsverhältnisse—“
Der Hai ging weiter.
„Du hast gefragt!“
„Ich bereue es.“
Kurz darauf las das Känguru einen anderen Meinungsbeitrag und rief:
„Ha!“
Niemand reagierte.
„Ich wusste es!“
Mozart sah vom Feuilleton auf.
„Was wusstest du?“
„Dass ich recht hatte.“
„Womit?“
Das Känguru blätterte zurück.
„Das finde ich noch.“
5) Der Hai entdeckt die Rätselseite
Dann geschah das eigentliche Problem des Tages.
Der Hai fand die Rätselseite.
Oben:
Kreuzworträtsel.
Darunter:
Sudoku – mittel.
Daneben:
Sudoku – schwer.
Der Hai setzte sich.
„Interessant.“
Waschbär kam vorbei.
„Machst du Rätsel?“
„Natürlich.“
„Seit wann?“
Der Hai hatte bereits den Kugelschreiber in der Flosse.
„Vier waagerecht: Behördliche schriftliche Entscheidung, acht Buchstaben.“
Er dachte keine zwei Sekunden nach.
„Bescheid.“
Waschbär sah ihn an.
„Das ist dein Rätsel.“
„Offenbar.“
Dann kam das Sudoku.
Der Hai übertrug zunächst alle möglichen Kandidaten winzig an den Rand der Kästchen.
Stinkerle sah nach einer Weile vorbei.
„Du kannst einfach Zahlen eintragen.“
„Nicht ohne vollständige Kandidatenanalyse.“
„Es ist ein Sudoku.“
„Genau.“
6) Etwas zu vertieft
Eine Stunde später saß der Hai noch immer dort.
Dann zwei.
Das leichte Sudoku war fertig.
Das mittlere auch.
Beim schweren hatte er drei verschiedene Lösungswege auf einem separaten Blatt dokumentiert.
Waschbär legte ihm ein Glas Wasser hin.
„Trinken.“
„Gleich.“
„Du sagst seit einer halben Stunde gleich.“
„Ich habe hier eine interessante Abhängigkeit zwischen Feld R7C3 und R7C8.“
Waschbär sah auf das Raster.
„Natürlich.“
Beim Kreuzworträtsel war der Hai ebenfalls weit.
Fast alle Felder waren gefüllt.
Eine Frage bereitete ihm jedoch Schwierigkeiten.
„Fünf Buchstaben. Französische Lebensweisheit.“
Lara ging vorbei.
„C’est la vie.“
Der Hai sah auf die Kästchen.
„Passt nicht.“
„Dann ist die Frage anders gemeint.“
„Unpräzise.“
Lara lächelte und ging weiter.
Der Hai schrieb schließlich etwas anderes hinein.
Es passte.
Damit war es für ihn zunächst erledigt.
7) Am Gartenzaun
Am Abend ging Uschi noch einmal in den Garten.
Ein paar Kräuter mussten kontrolliert werden, und von gestern war noch Zwetschgenkuchen übrig.
Sie schnitt ein schönes Stück ab, legte es auf einen Teller und nahm es mit hinaus.
Auf der anderen Seite sah sie Frau Nüsslein.
„Hallo!“
Frau Nüsslein kam zum Zaun.
„Ach, hallo Uschi.“
Uschi reichte ihr das Kuchenstück.
„Von den Zwetschgen.“
Frau Nüsslein strahlte.
„Das ist lieb.“
Dann seufzte sie.
„Jetzt fehlt mir nur noch meine Zeitung.“
Uschi hielt inne.
„Ihre Zeitung?“
„Ja. Die kommt jeden Morgen. Heute war nichts im Rohr.“
Uschi dachte an den großen Stapel im Wohnzimmer.
„Eine sehr dicke Tageszeitung?“
„Ja.“
„Mit Kulturbeilage?“
„Natürlich.“
„Und Rätselseite?“
Frau Nüsslein nickte.
Uschi lächelte etwas verlegen.
„Ich glaube, wir wissen, wo sie ist.“
8) Die Rückführung der Zeitung
Wenig später begann im Flanellweg eine ungewöhnliche Sammelaktion.
„Politikteil“, sagte Uschi.
Das Känguru hielt ihn fest.
„Ich bin noch nicht fertig.“
„Frau Nüsslein gehört die Zeitung.“
Das Känguru gab ihn widerwillig her.
Mozart legte das Feuilleton ordentlich zusammen.
Lara brachte den Kulturteil.
Tigerlein holte die Lokalseiten.
Der weiße Tiger kam mit dem Wirtschaftsteil aus dem Büro.
Kroko legte das Rezept dazu.
„Kann sie behalten.“
„Es gehört sowieso ihr“, sagte Stinkerle.
Dann fehlte nur noch die Rätselseite.
Alle sahen zum Hai.
Der Hai hielt sie fest.
„Das Kreuzworträtsel ist fertig.“
Uschi sah ihn an.
„Hai.“
„Und beide Sudokus.“
„Die Zeitung gehört Frau Nüsslein.“
Der Hai blickte auf die ausgefüllte Seite.
„Ich weiß.“
Er gab sie heraus.
Nicht ganz freiwillig.
9) Zwei Fehler
Gemeinsam brachten sie die Zeitung hinüber.
Frau Nüsslein freute sich.
„Ach, da ist sie ja!“
Sie nahm die Teile entgegen und sortierte sie mit erstaunlicher Routine.
„Feuilleton, Lokalteil, Politik… wunderbar.“
Dann kam die Rätselseite.
Sie blieb stehen.
„Oh.“
Der Hai wurde nervös.
„Ich habe das Kreuzworträtsel bereits gelöst.“
Frau Nüsslein setzte ihre Lesebrille auf.
„Das sehe ich.“
Sie prüfte einige Wörter.
„Sehr schnell sogar.“
Der Hai richtete sich etwas auf.
Dann zeigte Frau Nüsslein auf ein Feld.
„Das hier ist falsch.“
Der Hai erstarrte.
„Es passt.“
„Ja. Aber gefragt war ein anderer Begriff.“
Sie zeigte auf eine zweite Stelle.
„Und das hier auch.“
„Das ergibt semantisch Sinn.“
„Schon. Ist trotzdem nicht die gesuchte Lösung.“
Der Hai sah auf die Seite.
Dann auf Frau Nüsslein.
Dann wieder auf die Seite.
Zwei Fehler.
Zwei vollständig passende, plausible, aber dennoch falsche Wörter.
Waschbär sah, wie sich im Hai etwas zusammenzog.
„Atmen.“
„Ich atme.“
10) Nicht jedes Kästchen muss perfekt sein
Früher hätte der Hai vermutlich noch am selben Abend sämtliche Hinweise rekonstruiert.
Vielleicht hätte er Vergleichsrätsel gesucht.
Vielleicht eine Liste alternativer Lösungswörter erstellt.
Heute stand er nur da.
„Zwei Fehler.“
Frau Nüsslein lächelte.
„Passiert.“
Der Hai wollte sagen:
Mir nicht.
Er sagte es nicht.
Stattdessen nickte er.
„Offenbar.“
Waschbär klopfte ihm auf die Schulter.
„Sehr erwachsen.“
„Nicht übertreiben.“
Frau Nüsslein nahm ihre Zeitung und den Zwetschgenkuchen mit hinein.
„Und vielen Dank fürs Zurückbringen.“
Als die Tiere zurückgingen, sah der Hai noch einmal zum Zeitungsrohr.
Dann zum Haus.
Odin saß bereits drinnen und hatte seinen Landratsamt-Brief längst weggelegt.
Der Hai fragte nicht danach.
Das bemerkte er selbst.
Und war ein kleines bisschen stolz.
Mozart schrieb später:
„Manche Montagsrätsel stehen in kleinen Kästchen,
andere kommen in Umschlägen vom Landratsamt.
Manche haben eine eindeutige Lösung,
andere gehören überhaupt nicht uns.Wir teilen eine fremde Zeitung,
lesen ihre Meinungen, Rezepte und Geschichten
und füllen sogar ihre leeren Felder aus.
Dann kommt jemand, der sie besser kennt,
und zeigt uns zwei Fehler.Vielleicht ist das gar nicht schlimm.
Denn auch ein Wort, das wunderbar passt,
kann trotzdem nicht die richtige Antwort sein.
Und manchmal ist es ein größerer Fortschritt,
einen kleinen Fehler stehen zu lassen,
als jedes Kästchen unbedingt
perfekt ausfüllen zu wollen.“