1) Diesmal mit Vorbereitung
Am Freitagmorgen erschien das Känguru mit einer Sonnencremeflasche, einem großen Glas Wasser und einer kleinen Kühltasche im Garten.
Es blieb vor der Hängematte stehen und prüfte sorgfältig den Schatten.
„Sonnensegel korrekt ausgerichtet“, sagte der Hai, der das Ganze aus der Terrassentür beobachtete.
„Ich habe aus der Vergangenheit gelernt.“
„Das wäre erfreulich.“
Beim letzten langen Tag in der Hängematte hatte das Känguru zu viel Sonne erwischt. Seine Nase war rot geworden, und die Schnapspralinen waren in ihrer Schachtel zu einer alkoholischen Schokoladenlandschaft zusammengeschmolzen.
Heute sollte das nicht wieder passieren.
Das Känguru cremte Gesicht, Ohren, Arme und sogar die Füße ein.
„Genug?“, fragte es.
Der Hai trat näher und betrachtete die glänzende Schicht.
„Mehr als genug.“
„Vorsorge ist gelebte Freiheit.“
„Vorsorge ist vor allem Vorsorge.“
Das Känguru legte die Sonnencreme neben die Hängematte, stellte das Wasser auf den kleinen Tisch und öffnete die Kühltasche.
Darin lagen die Schnapspralinen zwischen zwei Kühlakkus.
„Sehr gut“, sagte der Hai.
Das Känguru nickte stolz. „Technik im Dienst des Genusses.“
2) Die flatternde Galerie
Nicht weit von der Hängematte entfernt hingen noch immer die Batikshirts auf der Leine.
Sie waren fast trocken. Im warmen Wind bewegten sich Spiralen, Faltmuster und Farbflächen langsam hin und her.
Gelb und Grün.
Blau und Violett.
Dunkelblau mit roten Linien.
Zurückhaltendes Hellblau.
Und Waschbärs besonders buntes Shirt, das aussah, als hätten ein Sonnenuntergang, ein Gewitter und eine Obstschale gemeinsam eine politische Partei gegründet.
Das Känguru betrachtete die Reihe lange.
„Das verändert die Atmosphäre.“
Waschbär kam vorbei. „Es ist meine Gartenkollektion.“
„Es ist eine textile Rückkehr in die sechziger Jahre.“
„Das Buch war aus den sechziger Jahren“, sagte Waschbär begeistert. „Vielleicht haben die Farben das gemerkt.“
Das Känguru setzte sich in der Hängematte auf.
„Freie Muster. Keine Uniformität. Individuelle Gestaltung gegen industrielle Gleichförmigkeit.“
Stinkerle, der gerade die Leine prüfte, sagte: „Es sind gefärbte T-Shirts.“
„Jede Bewegung beginnt damit, dass jemand einen Gegenstand unterschätzt.“
Stinkerle zog eine Wäscheklammer fester und ging weiter.
3) Das heimliche Shirt
Als am Mittag alle kurz im Haus waren, stand das Känguru aus der Hängematte auf.
Es ging langsam zur Leine.
Waschbärs buntestes Shirt hing ganz außen. Es war fast vollständig trocken, nur an einer Naht noch leicht feucht.
Das Känguru sah nach links.
Dann nach rechts.
Die Küchenkatzen lagen unter dem Sonnensegel.
„Ihr habt nichts gesehen.“
Die getigerte Katze blinzelte.
Minimaler Positionswechsel: keiner. Die Beobachtung wurde nicht bestätigt, aber auch nicht bestritten.
Das Känguru nahm das Shirt vorsichtig von der Leine und zog es an.
Es war etwas weit, aber gerade deshalb wirkte es überzeugend. Die Spiralen liefen über Bauch und Schultern, Rot ging in Violett über, Gelb traf auf Blau, und an einer Seite entstand ein unabsichtliches Grün.
Das Känguru betrachtete sich im Fenster.
„Ja.“
Dann setzte es eine alte runde Sonnenbrille auf, die es in einer Schublade gefunden hatte, und kehrte zur Hängematte zurück.
Als wäre nichts geschehen.
4) Die Geburt des Hippie-Kängurus
Waschbär bemerkte es zuerst.
Er kam mit einem Glas Wasser aus dem Haus, blieb stehen und zeigte auf das Shirt.
„Das ist meins.“
Das Känguru legte eine Pfote auf die Brust.
„Textilien gehören in dem Moment dem Ausdruck, in dem sie getragen werden.“
„Das stand zum Trocknen da.“
„Jetzt steht es für etwas.“
Stinkerle kam dazu. „Es war noch nicht ganz trocken.“
Das Känguru sah an sich herunter. „Künstlerische Restfeuchte.“
Waschbär schwankte zwischen Empörung und Stolz.
„Es sieht dir erstaunlich gut.“
„Natürlich. Ich bin offenbar ein Hippie-Känguru.“
Das Känguru legte sich zurück, verschränkte die Pfoten hinter dem Kopf und sah in den Himmel.
„Ich werde den Tag der freien Gedanken, der gekühlten Pralinen und der bunten Stoffe widmen.“
Der Hai trat hinaus.
„Bitte trotzdem alle zwei Stunden erneut Sonnencreme auftragen.“
„Auch Freiheit braucht Wartungsintervalle.“
„Richtig.“
Der Hai war fast zufrieden.
5) Politik unter dem Sonnensegel
Am Nachmittag nahm das Känguru seine Rolle immer ernster.
Es sprach über gemeinschaftliches Leben, freie Gärten und die gesellschaftliche Bedeutung von Schattenplätzen.
„Die Hängematte ist kein Möbelstück“, erklärte es. „Sie ist ein Gegenmodell zur vertikalen Leistungsgesellschaft.“
Lara setzte sich mit Zitronenwasser auf die Terrasse. „Weil man darin liegt?“
„Weil sie den Körper zwingt, sich der Ruhe anzupassen.“
Kroko kam mit einer Schüssel Gurkensalat aus der Küche.
„Sie zwingt gar nichts. Man kann rausgehen.“
„Das ist genau die Freiheit.“
Uschi betrachtete das bunte Shirt. „Ist das nicht Waschbärs?“
„Es befindet sich derzeit in gemeinschaftlicher Nutzung.“
Waschbär rief vom Poolrand: „Nur für heute!“
Das Känguru hob zwei Pfoten zum Zeichen des Friedens.
„Besitz ist eine vorübergehende Übereinkunft.“
„Morgen will ich es tragen“, sagte Waschbär.
„Dann endet die Übereinkunft morgen.“
Der weiße Tiger öffnete kurz die Terrassentür, betrachtete das Känguru mit runder Sonnenbrille, Batikshirt und Kühltasche und sagte:
„Konsequent.“
Dann ging er wieder hinein.
Das Känguru war sichtlich erfreut.
6) Die Kühltasche als zivilisatorischer Fortschritt
Später öffnete das Känguru die Kühltasche.
Die Schnapspralinen waren fest geblieben. Keine geschmolzene Schokolade, keine ausgelaufene Füllung, keine klebrige Katastrophe.
Es nahm eine heraus und hielt sie prüfend gegen das Licht.
„Perfekte Lagerung.“
Der Hai sah auf die Uhr. „In Maßen.“
„Natürlich.“
Das Känguru aß eine Praline und schloss zufrieden die Augen.
„Die Kühltasche ist ein Beispiel dafür, wie technische Infrastruktur Genuss von klimatischen Zwängen befreien kann.“
Mozart saß im Schatten mit seinem Notizbuch.
„Gestern war die Klimaanlage der Zugang zur Erinnerung. Heute ist die Kühltasche der Zugang zur Praline.“
„Fortschritt ist vielseitig.“
Uschi brachte eine Schale mit Wassermelone.
„Dazu etwas ohne Alkohol.“
Das Känguru nahm ein Stück.
„Balance zwischen Hedonismus und Flüssigkeitsversorgung.“
Kroko sah zu ihm.
„Du bist heute anstrengend.“
„Ich bin in einer historischen Rolle.“
7) Ein sehr friedlicher Protest
Gegen Abend wurde die Luft angenehmer.
Die Batikshirts waren inzwischen vollständig trocken. Stinkerle nahm sie von der Leine und faltete sie ordentlich zusammen.
Nur Waschbärs buntestes fehlte noch.
Das Känguru lag weiterhin in der Hängematte und hatte keinerlei Absicht, es sofort auszuziehen.
„Der Protest dauert bis Sonnenuntergang“, erklärte es.
„Wogegen protestierst du?“, fragte Lara.
Das Känguru dachte lange nach.
„Gegen zu heiße Pralinen.“
Waschbär lachte so sehr, dass er sich am Poolrand festhalten musste.
„Das ist kein politisches Problem.“
„Noch nicht.“
Die Küchenkatzen lagen auf ihrer Sonnenloge und betrachteten die Szene. Minimaler Positionswechsel: ein kurzer Blick zum flatternden Saum des Shirts, dann wieder vollständige Neutralität.
Uschi setzte sich neben Mozart.
„Immerhin hat es sich heute nicht verbrannt.“
„Und die Pralinen sind heil“, sagte Mozart.
„Dann war der Tag erfolgreich.“
Das Känguru hob aus der Hängematte die Pfote.
„Erfolgreich und bewusstseinserweiternd.“
„Nur eine Praline“, erinnerte der Hai.
8) Mozarts Satz des Tages
Als die Sonne hinter den Bäumen sank, zog das Känguru endlich das Batikshirt aus und gab es Waschbär zurück.
„Sehr gute textile Erfahrung.“
Waschbär hielt es hoch und prüfte die Naht.
„Noch heil.“
„Ich habe es mit Respekt getragen.“
Die runde Sonnenbrille blieb allerdings auf.
Das Känguru legte sich noch einmal in die Hängematte, die Kühltasche neben sich, die Sonnencreme fast leer und die Haut vollkommen unverbrannt.
Mozart sah zu ihm und sagte:
„Manchmal reicht ein buntes T-Shirt,
damit jemand glaubt,
in einer anderen Zeit zu leben.
Dann wird die Hängematte zur Bewegung,
der Schatten zur Weltanschauung
und eine Kühltasche
zum Triumph der Zivilisation.
Doch vielleicht ist es gar nicht schlimm,
eine Rolle etwas zu ernst zu nehmen,
wenn man dabei Sonnencreme benutzt,
genug Wasser trinkt
und am Abend zufrieden
das geliehene Shirt zurückgibt.“